Ich möchte ein Erlebnis mit euch teilen, das mir letzte Woche passiert ist.

Ich bin auf dem Weg nach Hause und ziemlich gestresst. Ich muss noch in den Supermarkt, um für die Grillerei am Abend einzukaufen. Ich bemerke eine ältere Frau, die eine Passantin etwas fragt. Die Passantin schüttelt nur den Kopf und geht weiter. Als ich bei der älteren Frau vorbeilaufe, nennen wir sie Frau Meier, hält sie auch mich auf.

„Entschuldigen Sie, könnten Sie mir sagen, wie ich von hier aus zum Prater komme?“ Ich werde stutzig: „Zum Prater? Da sind Sie hier aber ganz falsch.“ Wir befinden uns in Liesing, der Prater ist von hier etwa 15 Kilometer entfernt. „Na, na, Sie müssen mir nur sagen, in welche Richtung ich gehen muss, ich kenne mich dann schon aus“, antwortet sie. Okay, sie will also bei dieser Hitze aus Liesing in den zweiten Bezirk zu Fuß gehen? Mehrmals versuche ich ihr zu erklären, dass das nicht funktionieren wird. Sie tut sich schwer beim Gehen, kennt den Weg nicht und ist sehr durcheinander. Ich begleite sie zur S-Bahn-Station und zeige ihr, dass sie nur hier ein- und beim Praterstern aussteigen muss. Mittlerweile sind 20 Minuten vergangen.

Aber das möchte sie nicht, denn sie geht lieber zu Fuß. Immer wieder verhaspelt sich Frau Meier. Zuerst erzählt sie mir, dass sie ihren Mann im Spital besuchen war. Dann war doch eine Bekannte bei ihr zu Besuch. Als wir zur S-Bahn Station schlendern, grüßt sie Leute, die bei uns vorbeigehen. „Die kenne ich vom Einkaufen“, flüstert sie mir zu. Die Passanten haben sie aber nur komisch angesehen, ich denke nicht, dass sie sie gekannt haben.

Es braucht nur wenig Hausverstand, um zu verstehen, dass Frau Meier offensichtlich verwirrt ist. In meinem Kopf rattert es: Was mache ich jetzt? Ich kann sie jetzt nicht alleine lassen?! Sie möchte unbedingt zu Fuß zum Prater gehen, aber das kann ich doch nicht zulassen? Google Maps sagt mir, dass sie drei Stunden brauchen würde. Als ich ihr erkläre, dass es zu weit weg und zu heiß ist, schüttelt sie nur lachend den Kopf: „Ah ge, ich spaziere eh so gerne!“ Ich biete ihr an, ein Taxi zu holen, dass sie nach Hause bringen kann. Dann frage ich, ob sie Kinder hat, die ich anrufen kann.

Nein, nein, lehnt sie dankend ab. Das sei nicht nötig. Wieder vertut sie sich: Sie sei von hier, sagt sie. Als ich ihr zum xten Mal erkläre, dass wir in Liesing sind, kennt sie sich nicht mehr aus. Mit dem Vorwand, „jemanden anzurufen, der den Weg von Liesing zum Prater kennt“ rufe ich die Rettung und erkundige mich, was ich machen soll. Der Mann am Telefon kann nicht viel für mich tun, außer einen Rettungswagen zu schicken. Aber der Dame geht es ja nicht schlecht, sie ist nur durcheinander. Also gehe ich zur nächstgelegenen Polizeitstation und hole mir dort Hilfe. Wie sich herausstellt, hat Frau Meier einmal im zweiten Bezirk gelebt, wohnt aber jetzt in dem Pensionistenheim, das ganz in der Nähe ist. Sie ist schon ein paar Mal „verloren gegangen“. Als ihr der Polizist erklärt, dass sie schon mal hier war, hält sie meine Hand und fragt mich, ob ich sie eh nicht alleine lasse. In ihrer Tasche hat sie nichts außer einem zehn Euro Schein und einer TV-Fernbedienung. Der Polizist und ich begleiten sie zum Heim, sie bedankt sich immer wieder bei mir, entschuldigt sich, hat Tränen in den Augen und erwähnt ständig, wie sehr sie sich schämt. „Sie brauchen sich nicht genieren, ich verirre mich auch manchmal“, erzähle ich und bringe sie damit zum Lachen.

Vor etwa einem halben Jahr habe ich mir vorgenommen, ein besserer Mensch zu werden. Ich weiß, das klingt blöd, aber das ist mir wirklich sehr wichtig. Das ist jetzt ein sehr relativer und schwammiger Plan und jeder möge sich dazu denken, was er möchte. Aber ich habe mir vorgenommen: Ehrlich nett zu Menschen zu sein, keine Fast Fashion mehr einzukaufen, ein paar Tage in der Woche vegan zu leben, dankbar zu sein für das, was ich habe und vor allem: Mit gutem Beispiel voranzugehen. Und bei Letzterem ist vor allem Zivilcourage wichtig.

Wir können täglich einen Beitrag leisten, um die Welt zumindest ein wenig zu verbessern. Jeder von uns. Ein Mädchen, das ein Kopftuch trägt, wird in der U-Bahn beschimpft? Setz dich für sie ein! Eine Mutter braucht Hilfe mit dem Kinderwagen? Hilf ihr tragen! Ein Tourist hat sich offensichtlich verlaufen? Sag ihm den Weg, ohne dass er dich fragen muss. Eine Person weint auf offener Straße? Frag, ob du helfen kannst. Jemand tut einem anderen Menschen Unrecht? Tu das, was im Rahmen deiner Möglichkeiten liegt. Nur dumm aufs Handy starren, gehört da nicht dazu. Frau Meier hat mir gezeigt, wie egoistisch wir durch diese Welt laufen. Diese Passantin, die von Frau Meier zuerst aufgehalten wurde, hat es sicher nicht böse gemeint. Aber bei mir haben schon nach dem ersten Satz die Alarmglocken geläutet.

Zudem vergessen wir manchmal, wie glücklich wir uns schätzen können. Während der Unterhaltung mit Frau Meier, die insgesamt etwa 45 Minuten gedauert hat, hatte sie einen kurzen Moment der Klarheit. Ihr Blick war auf einmal ein ganz anderer, sie war wie ausgewechselt. „Es ist wirklich schlimm, wenn man nicht mehr bei klarem Verstand ist. Sie müssen mich für verrückt halten, aber ich weiß einfach nichts mehr“, erklärt sie mir. Stellt euch vor, ihr würdet einfach nicht mehr wissen, wo ihr seid, wie euer Mann heißt, wo ihr lebt und ob und wie viele Kinder ihr habt. Oder stellt euch vor, Frau Meier wäre eure Großmutter. Würdet ihr nicht wollen, dass ihr jemand hilft und sie nicht sich selbst überlässt? Ich für meinen Teil würde es mir wünschen.