Nachdem ich für den Beitrag über meinen nicht vorhandenen Nationalstolz viel positives, aber auch negatives Feedback erhalten habe, möchte ich diesen Tag zum Anlass nehmen, um über all jenes zu sprechen, das mich mit Stolz erfüllt.

Habe ich jemals von meiner Freundin J. erzählt? Wahrscheinlich nicht. Mit 15 war sie meine beste Freundin. Sie stammt aus einer kaputten Familie, hat früh Drogen konsumiert und war Opfer körperlichen Missbrauchs. Unser gemeinsamer Weg hat sich nach ein paar Jahren intensiver Freundschaft getrennt, zu unterschiedlich war unser Lebensstil, zu sehr habe ich mich mit ihren Problemen auseinandergesetzt und sie zu meinen gemacht. Trotzdem war sie mein erster Gedanke, als ich darüber nachgedacht habe, was ich in meiner Jugend geleistet habe, das mich auf eine Art und Weise stolz macht. Unsere Freundschaft ist zwar in die Brüche gegangen, aber ich kann ruhigen Gewissens sagen, dass ich sie bestmöglich unterstützt habe. Ich war ihr eine Freundin, als ihr Partner sie wüst beschimpft und geschlagen hat, als sie ihre Mutter im Stich gelassen und rausgeschmissen hat, als sie spätere Bekanntschaften wie ein Stück Fleisch behandelt haben. Ich wollte, dass sie sich lieben lernt, versteht, dass sie keine Bestätigung von anderen braucht und, dass es nicht in Ordnung ist, wenn Männer sie erniedrigen.

Auch mit meiner Freundin H. habe ich harte Zeiten durchgemacht. Ihre Familie hat enormen Druck auf sie ausgeübt, wollte, dass sie ihren Job kündigt und Freundschaften beendet, weil sie mit gewissen Entscheidungen, die H. getroffen hat, nicht einverstanden waren. Sie haben versucht, ihr jeglichen Kontakt zur Außenwelt zu untersagen und ihr schlichtweg nicht erlaubt, sich selbst zu entfalten. Was für eine schlimme Phase ihres Lebens das war und wie mutig sie diese gemeistert hat. Ich war und bin wahnsinnig stolz auf sie, dass sie sich aus diesem patriachalischen Käfig befreit hat und ihr Leben nun so lebt, wie sie es für richtig hält. Und ich bin auch stolz auf mich, dass ich diesen Weg mit ihr gegangen bin und ihr dann Mut zugesprochen habe, als sie ihn am meisten gebraucht hat.

Heute ist der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Laut einer Erklärung, die mehrere EU-Kommissare unterschrieben haben, hat eine von drei Frauen in der EU eine Form der geschlechtsspezifischen Gewalt erfahren. Stellt euch das einmal vor: Jede dritte Frau wurde aufgrund ihres Geschlechts Opfer von Gewalt. Mir fallen in dieser Sekunde fünf Frauen ein, die ich persönlich kenne und die mit körperlichem Missbrauch zu kämpfen hatten. Die Täter? Väter, Brüder, Ehemänner, Fremde.

Eine Bekannte meiner Mutter lebt seit Jahrzehnten in einer gewalttätigen Ehe. Meine Mutter hat es nie geschafft, ihre Bekannte davon zu überzeugen, ihren Mann zu verlassen und diesen Lebenabschnitt zu beenden. Dafür hat sie aber eines erreicht: Sie hat mir beigebracht, mich selbst zu schätzen und mich von niemandem degradieren zu lassen. Ich habe dank meiner Mutter gelernt, dass Frauen den Haushalt nicht selber schmeißen müssen, dass wichtige Entscheidungen von Mann und Frau gleichermaßen getroffen werden, dass eine Ohrfeige unentschuldbar ist und dass ich, auch wenn mir die Gesellschaft manchmal etwas anderes vermitteln möchte, alles erreichen kann, ganz unabhängig von meinem Geschlecht oder meiner Herkunft.

Genau deswegen nehme ich gewisse Angelegenheiten nicht hin. Ich nehme es nicht hin, dass ich für meine gesellschaftspolitischen Beiträge beschimpft werde – ausnahmslos von Männern. Ich nehme es nicht, auf mein Aussehen reduziert zu werden. Ich nehme es nicht hin, „weibliche Waffen“ einsetzen zu müssen, um meine Ziele zu erreichen. Ich nehme es nicht hin, wenn eine Frau in der U-Bahn von einem Betrunkenen angepöbelt wird. Ich nehme es nicht kommentarlos hin, dass ein Sexist und Rassist US-Präsident ist. Ich werde nicht zusehen, wie ein rechter Politiker unser Staatsoberhaupt wird, ohne mich für das Gegenteil einzusetzen.

Dank meiner Eltern weiß ich, dass ich Engagement zeigen muss. Ich suche also den Kontakt zu Menschen, die völlig unterschiedliche Ansichten haben und bemühe mich um einen offenen Diskurs. Ich war dieses Jahr auf mehreren rechten Demos, um zu zeigen, was dort passiert und wieso Gruppierungen wie die Identitären nicht tolerierbar sind. Ich spreche mit Jugendlichen, komme ihnen auf Augenhöhe entgegen und thematisiere Rassismus, Sexismus und Hass im Netz. Ja, auf all das bin ich sehr stolz.

Ich kann es nur immer wieder betonen: Jede und jeder von uns kann etwas dafür tun, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Deswegen habe ich auch meine Fotostrecke „#GRLPWR – support your local girl gang“ ins Leben gerufen. Ich habe mich in den letzten Monaten mit Frauen umgeben, die allesamt inspirierend und besonders sind. Durch sie habe ich einmal mehr verstanden: Wir müssen zusammenhalten, um etwas zu bewegen. Dass diese Frauen mein Projekt und mich unterstützen und daran glauben, stimmt mich zuversichtlich. Aber auch alle Männer, die sich für Gleichberechtigung einsetzen und verstehen, wie viel Ungerechtigkeit weiterhin passiert, geben mir Hoffnung für die Zukunft. Mein Vater, mein Partner, Studienkollegen und viele andere da draußen erinnern mich immer wieder daran, wie wichtig eine differenzierte Herangehensweise ist und, dass es falsch wäre, zu pauschalisieren, wo ich mich doch um das Gegenteil bemühe. Auch wenn ihnen unsere gesellschaftliche Strukturen quasi das Go dazu geben, ihr Geschlecht über unseres zu stellen, entscheiden sie sich doch für den fairen und richtigen Weg und das muss man anerkennen.

Ich habe das schon einmal in diesem Beitrag geschrieben, es passt aber wieder ganz gut: Wenn mir jemand ein Kompliment zu meinem Aussehen macht, finde ich das nett und klar freue ich mich. Aber es ist nicht einmal ansatzweise so ein berauschendes Gefühl, wie wenn mich jemand als Vorbild sieht, mich Inspiration nennt oder meinetwegen andere unterstützt. Ich bin ein kleiner Fisch in einem großen Teich, aber wenn ich höre oder lese, dass ich andere motiviere, platze ich vor Stolz.

Jede Frau da draußen, die sich für Gleichberechtigung einsetzt, auf die Straße geht und demonstriert, ihre Stimme erhebt und ihr Bestmögliches tut, um unsere Gesellschaft zu verbessern. Jede Frau, die auf „Lächle doch mal“ oder „Sei nicht so empfindlich“ mit einem Mittelfinger reagiert. Jede Frau, die die Schuld nicht bei sich sucht, wenn sie ein Mann dumm anmacht. Jede Frau, die keine Angst davor hat, zu „bossy“ zu wirken, nur weil sie ihre Meinung sagt. Jede Frau, die Großes erreichen will, obwohl die Chefetage weiterhin Männern vorenthalten bleibt. Jede Frau, die keine Aussagen wie „Ich bin lieber mit Männern befreundet, die sind unkomplizierter“ schiebt. Jede Frau, die sich nicht von gesellschaftlichen Normen einschüchtern lässt. Jede Frau, die andere unterstützt und ermutigt. Jede von ihnen leistet ihren Beitrag. Jede von ihnen macht mir Mut. Auch wenn man uns in diese Rolle drängen will: Wir sind nicht das schwache Geschlecht und darauf können wir sehr stolz sein.