Es scheint die große Liebe zu sein, die eine wahre große Liebe. Die Schmetterlinge im Bauch überschlagen sich, fahren Achterbahn und tun alles, nur nicht rasten. Man möchte in die Welt hinausschreien: Ich hab sie! Ich hab sie gefunden, meine große Liebe! Seht her, seht an, wie sehr wir uns lieben, wie gut wir zusammen passen.

Und wir alle sehen hin. Wir sehen das erste gemeinsame Candle-Light-Dinner. Wir sehen die gemeinsamen Reisen, die gemeinsamen Erfolge. Wir sehen viele Fotos: Beim Geburtstagsessen, am Strand, in den Bergen. Wir sehen eine Frau, die huckepack getragen wird, ein Pärchen, das Händchen haltend auf die Stadt blickt. Wir sehen eine Hand mit einem Ring am Finger, der Titel des Fotos lautet: „I said YES!!“

Früher peinlich, jetzt romantisch

Wow, wir sind beeindruckt, ziemlich beeindruckt. Dieses Paar scheint füreinander geschaffen zu sein. Ob gemeinsame Facebook-Profile komisch sind? Irgendwie schon, um ehrlich zu sein. Aber diese Liebe, diese großartige, einzigartige Liebe verdient möglichst viel Platz: Im realen wie im virtuellen Leben. Prioritäten werden anders gesetzt, Meinungen geändert. Was früher peinlich war, ist jetzt romantisch. Kinder von befreundeten Pärchen werden genutzt, um sich mit ihnen ablichten zu lassen. Schaut mal, das werden wir mal sein. Sind wir nicht eine schöne Familie?

Das klingt alles so böse, so aufgesetzt. Dabei ist Liebe toll – auch im Internet. Liebe ist immer toll. Aber wo Licht, da auch Schatten. Gerade im Internet hat es die Liebe, die eigentlich so reine, so schöne, so feine Liebe schwer. Fragen, die man sich anfangs nicht zu fragen getraut hat, gehören bald zum Alltag mancher Beziehungen: Wer ist diese Frau, woher kennst du sie? Wieso likt sie jedes deiner Bilder? Ach, bevor die Antwort kommt, addet man dann doch lieber jede Frau, die er unter seinen Freunden hat, die zwischen 18-35 ist und deren Profilbild zumindest darauf hindeutet, dass sie gut aussehen könnte. Sicher ist sicher. Andere Pärchen wollen dem entgegenwirken, indem sie erst gar keine Facebook-Freunde werden. Seit wann ist Verdrängung der richtige Weg? Ganz nach dem Motto, was ich nicht sehe, macht mich nicht wütend? Wie naiv.

Aber eigentlich, eigentlich will man sich ja zusammen zeigen. Guckt mal, was wir für eine tolle Zeit im Urlaub haben. Guckt mal, meine Eltern mögen ihn, das beweist dieses Bild. Guckt mal, wie verliebt er mich ansieht. Und wir gucken hin. Doch dann verändert sich etwas. Nicht plötzlich, oder in den seltensten Fällen plötzlich. Niemand gibt sich gerne öffentlich dieser Blamage hin. Da muss schon ganz gehörig etwas schief laufen. Langsam aber doch bemerken wir alle die ersten Anzeichen. Da wäre das Profilfoto: Wo bis vor kurzem noch sich zwei küssende Menschen zu sehen waren, ist nun ein Selfie. Eine Person, die mal aus zwei Personen bestanden hat. Wo ist die zweite Person hin?

Die zweite Person, die zusammen mit dieser anderen Person zu einer Person geworden ist, feiert erst einmal mit Freunden, wärmt längst vergangene Freundschaften auf. Harte Zeiten verlangen gute Freunde und die Dokumentation dieser Freundschaft im Internet. Früher war es „Seht mal, wie gut wir zusammenpassen!“, jetzt ist es: „Seht mal, wie gut es mir auch alleine geht.“ Aber die Trauer ist da, selbstverständlich ist sie da. Sie verabschiedet sich doch nicht, nur weil wir so tun, als wäre sie nicht da. Das Herz blutet, die Finger tippen. „Never allow someone to be your priority while allowing yourself to be their option“; „the heart was made to be broken“; „the worst kind of ad is not being ablte to explain why“. Worte, die man früher belächelt hat. Aber jetzt ist man ja Single. So spielt das Leben.

In guten wie in schlechten Zeiten

Und wir alle, die wir so gespannt zugesehen haben, sehen noch genauer hin. Wir wundern uns. Ist es eine Krise oder endgültig vorbei? Was ist passiert? Wann wurde das letzte Mal ein gemeinsames Instagram-Foto hochgeladen? Neugier, pure Neugier. Vor ein paar Wochen, Monaten, Jahren sollten möglichst viele wissen, wie groß ihr Glück ist. Heute wird Vertuschungsarbeit geleistet. Und wir sollen bloß nicht hinsehen, bloß nicht nachfragen. Aber wir, wir sehen jetzt noch genauer hin. Natürlich tun wir das. „In guten wie in schlechten Zeiten“ bekommt eine ganz andere Bedeutung. Dabei wissen wir es doch auch nicht besser. Nicht jeder ist „way too cool“ und gibt sich deswegen nicht der „Peinlichkeit“ hin, Pärchenfotos zu posten.

Also, wie viel Liebe im Internet ist gesund, wo liegt die Grenze? Als ob jemand, der in einer glücklichen Beziehung steckt, an ein mögliches Ende denken möchte. Ach, als ob Verliebte an ein Ende glauben. Nein, uns passiert das nicht. Sicher nicht. Und dann passiert es doch. Was nun? Die Youtuberin Mirella fasst es in diesem Video zusammen: „Ich weiß nicht, wie es weitergeht“. Sie habe den Bezug zu ihrer Community verloren, die vielen Fragen zu ihrem Beziehungsstatus seien unhöflich und gehen ihr gehörig gegen den Strich. Verständlich, wer möchte schon Salz in die Wunde gestreut bekommen? Was das wohl für Menschen sind, die meinen, sie haben das Recht zu wissen, wie es im Liebesleben einer Person läuft? Wo beginnt Respektlosigkeit, wann hört kindliche Neugier auf? Eine Charaktereigenschaften teilen all diese Menschen aber sicher: Sie sind ziemlich dreist.

Halt, halt, halt, werden manche sagen. Selber schuld, wieso macht sie denn alles so öffentlich? Was für eine törichte Frage. Liebe möchte man zeigen. Liebe möchte man in die Welt hinausposaunen. Trauer nicht. Zumindest nicht diese Art von Trauer. Wer weiß schon wirklich, welcher der richtige Weg ist, um mit Liebe und Social Media umzugehen. Ich würde meinen, so wie im echten Leben: Man folgt seinem Herzen. Und handelt von Zeit zu Zeit vernünftig, wie es Erwachsene, ja auch verliebte Erwachsene, tun sollten. Die kitschige Wahrheit. Klar, das Internet vergisst nicht. Aber manche Dinge soll man auch gar nicht vergessen, nicht wahr? Und wenn sie uns nur eine Lehre sein sollen. Ach und die kritischen Stimmen, die lässt man am besten kritisch sein. Ausrichten kann man gegen diese eh nur wenig.