Ich habe meine Wurzeln hier auf meinem Blog bisher nicht wirklich thematisiert. Tatsache ist aber, dass es nur wenige Blogger mit internationalem Background in Wien oder vielleicht auch im deutschsprachigen Raum gibt, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Das kann ich einerseits verstehen, so wollen nicht alle ihre Wurzeln allzu sehr hervorheben. Andererseits finde ich es schade, denn durch solche Plattformen kann man anderen MigrantInnen das Gefühl geben, dass sie nicht allein mit ihren Schwierigkeiten sind. Aus diesem Grund möchte ich Einblick in meine „migrantische“ Welt gewähren, den Anfang mache ich mit meiner Kindheit.

Mit etwa neun Jahren wurde ich das erste Mal von einer mir fremden Person auf meine „ausländischen Wurzeln“ angesprochen. Meine Eltern waren während ihrer zwei Fulltime-Jobs in Fabriken auch für viele Jahre in der Gastronomie tätig. Das erste Lokal, das sie übernommen haben, war ein Wirtshaus namens „Salz&Pfeffer“ in einem niederösterreichischen Kaff. Ein älterer Gast hat mir damals gesagt, dass ich Ausländerin bin. Ich war rasend vor Wut und habe losgeheult – ohne überhaupt zu wissen, wieso. Seine Worte haben mich gekränkt und waren die erste Konfrontation mit meinem Migrationshintergrund. Diese Situation war der Startschuss für eine Reihe von diskriminierenden Beschimpfungen.

Versteht mich nicht falsch: Der Gast hat das wahrscheinlich nicht böse gemeint. Für ihn war und bin ich ja Ausländerin. Was für ihn wohl nur unbewusst negativ behaftet ist, hat mich verletzt. Mit neun war ich mir noch nicht bewusst, wieso mich das so getroffen hat. Mit zwölf Jahren hat mich ein Klassenkollege als „Tschusch“ beschimpft. Ich war in Deutsch immer Klassenbeste, um meine Lehrerin zu zitieren: „Alex, könnte ich dir eine römische Eins geben, würde ich es tun.“ Besagte Lehrerin wollte, dass ich die Schularbeit dieses Klassenkollegen zusammen mit ihm durchgehe. Ich als „Tschusch“ war in Deutsch in der ersten Leistungsgruppe, er in der dritten. Autsch. Sein Ego hat es wohl nicht mehr gepackt, dass ausgerechnet die Ausländerin seinen Text korrigieren soll. Eine andere Lehrerin meinte einmal zu mir: „Also bei UNS in Österreich macht man das so…“ und hat damit suggeriert, dass ich nicht Teil dieser Gesellschaft bin.

Ich habe schnell begriffen: Ich kann mich noch so „gleich“ wie meine österreichischen Mitmenschen fühlen. Ganz gleich werde ich nie sein, zumindest nicht in ihren Augen. Ein anderer Mitschüler hat keinen Hehl daraus gemacht, dass seine Familie und er etwas gegen „Ausländer“ haben. Schon mit 12 habe ich mich gefragt: Wann ist man ein Ausländer und was macht mich zur Ausländerin? Wenn man in Österreich geboren ist, hier sein Leben aufbaut, ja sogar den österreichischen Pass hat, was unterscheidet mich dann so von meinen österreichischen MitschülerInnen? Ganz einfach: Meine Muttersprache ist eine andere, ich feiere Weihnachten an einem anderen Tag und auch wenn ich nicht wie das Paradebeispiel einer Ausländerin aussehe, so habe ich doch einen komisch klingenden Nachnamen. Da hilft mir mein ausgezeichnetes Deutsch auch nicht. In der Hauptschule habe ich mit einer Trotzreaktion auf Diskriminierung reagiert, ich habe mich mit anderen „Ausländern“ angefreundet, mich nicht als Österreicherin empfunden und war nach außen hin plötzlich besonders stolz, „Ausländerin“ zu sein.

Das hat sich mit der Oberstufe langsam wieder gelegt. Trotzdem habe ich jahrelang mit der Frage gekämpft, wo ich dazugehöre. Vielleicht resultiert mein Interesse für Politik und besonders rechten Tendenzen auch aus diesen schmerzhaften Momenten. Wobei mein Vater sicher auch eine große Rolle spielt. Er war schon immer politisch aktiv, mit ihm habe ich diese Erlebnisse  geteilt und besprochen. Übrigens: Als Kind hatte ich natürlich nicht von Anfang an Ahnung von Politik, in diesem Beitrag erzähle ich euch von einer mir ganz furchtbar peinlichen, zum Glück aber nur sehr kurzweiligen „Gesinnung“.

Wenn wir den Spieß umdrehen, ist es ähnlich: Wenn ich meine Familie in Bosnien-Herzegowina besucht habe, war ich die Österreicherin, der „Svabo“. Wie könnte ich auch Teil ihrer Gesellschaft sein, wo ich doch nur ein paar Mal im Jahr zu Besuch bin? In Österreich bin ich die Ausländerin, in Bosnien-Herzegowina die Österreicherin – eine bittere Erkenntnis mit jungen Jahren. Durch dieses Hin und Her war ich mir lange Zeit nicht meiner Identität sicher. Was bin ich denn nun? Ich muss doch irgendwo dazugehören? Muss ich mich über meine Herkunft identifizieren? Jetzt mit 25 Jahren weiß ich, dass ich weder das eine noch das andere sein „muss“.  Damals aber war das eine schwierige Angelegenheit. Hinzu kommt, dass ich serbische Bosnierin bin. Serbin? Bosnierin? Österreicherin? Als was bezeichne ich mich? Wo gehöre ich hin?

Ich kenne viele MigrantInnen, denen es ähnlich geht. Ihnen waren Begriffe wie „Migrant“, „Migrationshintergrund“, „Integration“ oder „Assimilation“ genauso fremd wie mir.  Sie klingen so plastisch. Als könnte man etwas so Komplexes auf wenige Worte runterbrechen. Ganz so einfach funktioniert das nicht. Erst durch das Schreiben bei BIBER habe ich schlussendlich kapiert, wie wertvoll meine Wurzeln sind und dass es eigentlich ziemlich cool ist, mit zwei Identitäten aufzuwachsen. Mittlerweile habe ich einen ganz eigenen Begriff für mich erfunden, nämlich diesen: Jugo-Wienerin. Wundert euch also nicht, wenn ich ihr mich mal kennenlernt und ich mich als solche vorstelle.