Kennt ihr den Film „Für das Leben eines Freundes“? In ihm geht es um drei Freunde, die Malaysia besuchen. Einer von ihnen, Lewis, bleibt zurück, um Orang-Utans zu retten. Zwei Jahre später sucht die beiden Freunde, die zurück nach New York gekehrt sind, die Anwältin von Lewis auf. Die drei hatten während ihres gemeinsamen Urlaubs ein geliehenes Fahrrad liegen gelassen, der Besitzer erstattete Anzeige, die Polizei fand daraufhin Haschisch in Lewis Wohnung. In acht Tagen soll Lewis sein Todesurteil ereilen, außer die beiden Freunde kommen zurück und sitzen jeweils drei Jahren im Gefängnis ab.

Würdet ihr es tun? Im ersten Moment würden wahrscheinlich die meisten mit Ja antworten. Aber stellt euch vor, ihr habt diesen Freund zwei Jahre lang nicht gesehen, ihr lebt vollkommen verschiedene Leben. Karrieretechnisch läuft es super, vielleicht habt ihr gerade ein Kind bekommen oder habt schlichtweg Panik vor den malaysischen Gefängnissen. Für welchen Freund würdet ihr zurückreisen und drei Jahre eures Leben verlieren?

Ich habe mich in den letzten Monaten sehr intensiv mit dem Thema Freundschaft auseinandergesetzt. Immer wieder ist die Frage, was einen wahren Freund ausmacht, in meinem Kopf aufgetaucht. Besonders nach diesem Presse-Artikel bin ich nachdenklich geworden. Jeder von uns kennt bestimmt diese Tumblr-Zitate à la:

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Freunde sollte man regelmäßig treffen

Lange Zeit war ich auch dieser Meinung. Ach, Freunde muss man nicht regelmäßig sehen oder ständig in Kontakt bleiben. Ein Freund bleibt ein Freund. Mittlerweile bin ich mir da aber nicht mehr so sicher. Also, natürlich bleibt er ein Freund, aber wirklich ein echter? Klar, regelmäßig ist ein sehr relativer Begriff, das kann und soll jeder für sich entscheiden. Aber ist es in manchen Fällen nicht eher der krankhafte Versuch, eine in die Jahre gekommene Freundschaft aufgrund der gemeinsamen Erinnerungen aufrechtzuerhalten? Ich denke oft wehmütig an Freundinnen und frage mich, wie es ihnen wohl geht. Ich denke an all die wichtigen Momenten, die wir zusammen durchgemacht  und die mich sehr geprägt haben. Trotzdem fehlen sie mir nicht so sehr, dass ich sie anrufe oder ihnen zumindest auf Facebook schreibe, da ich ihre aktuelle Telefonnummer wahrscheinlich gar nicht mehr habe. Facebook ist auch so eine Sache: Es gibt uns das Gefühl, als wüssten wir über das Leben unserer Freunde Bescheid. Hier ein paar Urlaubsfotos, da ein neuer Job: Man kommt gar nicht dazu, jemanden richtig zu vermissen. Ein Blick auf ihr Profil reicht und unsere Gedanken an sie sind wie weggewischt.

Es gibt verschiedene Arten von Freundschaft

Ich glaube auch, dass es verschiedene Arten von Freundschaft gibt. Es gibt Zweckfreundschaften, Entertainment-Freundschaften, alte Freundschaften und echte Freundschaften. Keine Freundschaft ist schlechter als die andere, letztere ist aber definitiv die, die am meisten auf Vertrauen beruht. Ich denke nicht, dass es verwerflich ist, mit jemandem befreundet zu sein, weil man irgendeinen Nutzen daraus zieht. Wichtig ist nur, dass beide Parteien Bescheid wissen. Man kann ruhig mit Menschen, die in der gleichen Branche tätig sind, Zeit verbringen oder eine ähnliche politische Einstellung mit Gleichgesinnten teilen. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass das alles sehr schnell vorbei sein kann, wenn sich die Ausgangslage verändert.

Manchmal hängt man auch mit Leuten ab, deren moralische Einstellung einem Bauchschmerzen bereitet. Für solche Beziehungen gibt es meiner Ansicht nach immer eine Grenze. Sie können nie so intensiv sein wie eine echte Freundschaft. Wie könnte ich jemandem mein Herz ausschütten und über meine intimsten Sorgen sprechen, wenn ich weiß, wie stark seine und meine Ansichten auseinandergehen?

Freunde sind wichtig

Ich bin der Überzeugung, dass ein Mensch maximal drei wahre Freunde haben kann, alle anderen sind entweder gute Freunde oder Bekanntschaften. Die Statistik sagt, dass man 50 lose, 15 gute und drei echte Freunde im Leben hat. Bei diesen drei kann man sich glücklich schätzen, denke ich. Falls ihr mehr habt, seid ihr entweder Glückspilze oder aber ihr solltet in euch gehen und überlegen, ob diese Freunde wirklich wahre sind.

Früher habe ich es nicht ernstgenommen, wenn eine Freundin ihren Partner immer zur obersten Priorität gemacht hat. Ich habe das immer verstanden und verstehe es auch weiterhin. Mein Partner ist neben meinen Eltern auch meine wichtigste Bezugsperson. Trotzdem finde ich es falsch, Freunde immer nur dann zu treffen, wenn der Partner etwas vorhat oder arbeitet. Damit vermittelt man Freunden das Gefühl, nie wichtig genug zu sein.

Dabei sind Freunde wichtig, so wichtig. Sie sind die, die sich deine noch so dummen Gedanken zum 100. Mal anhören, ohne gelangweilt zu sein. Sie sind die, die dich bei Liebeskummer trösten, große Veränderungen mit dir durchleben und dich aufmuntern, wenn du es am meisten braucht. Nein, ich muss meine Freunde nicht täglich sehen, um zu wissen, dass ich auf sie zählen kann. Aber ich möchte Teil ihres Lebens sein und ich möchte, dass sie Teil meines Lebens sind. Dafür reicht es nicht, wenn man sich einmal im Jahr sieht, denn dann sind sie nicht Teil meines gegenwärtigen Lebens, sondern Teil meiner Vergangenheit.

Gleichzeitig denke ich auch, dass es falsch ist, Freundschaften krankhaft aufrecht erhalten zu wollen – nur wegen ein paar Erinnerungen, die man teilt. Ich weiß, dass es schwer ist, sich selbst einzugestehen, dass diese Person nicht mehr zu deinen engsten Freunden gehört. Aber am schlimmsten finde ich jene,  die zu festgefahren in ihrer Vorstellung von Freundschaft sind und auch nach einer unendlich langen Periode nicht verstehen, dass die gemeinsame Zeit vorüber ist. Dann passiert es schon mal, dass man sich Vorwürfe à la „Du meldest dich auch nicht mehr, gel?“ oder „Wieso hast du mir damals nicht geschrieben?“ anhören muss. Eine Freundschaft muss nicht unbedingt im Streit auseinandergehen, manchmal geht man einfach getrennte Wege. Und das ist auch gut so! Klar kann man sich auch einmal im Jahr treffen, dagegen spricht nichts und klar ist das eine Art von Freundschaft. Nur muss man verstehen, dass das nicht die Freundschaft von damals ist. Es gehört zum Leben, dass Menschen kommen und gehen. Die, die es wert sind, bleiben einem sowieso immer erhalten. Und zum Schluss noch ein Gedankenanstoß: Wer aufhört, ein Freund zu sein, der war vielleicht niemals wirklich ein Freund.

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