Es ist ein Dilemma. Fragt man mich nach meiner Muttersprache, bin ich im ersten Moment im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos. Serbisch? Bosnisch? Serbokroatisch? Oder gleich ein bisschen mühsamer: Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, abgekürzt BKS? Klingt eher wie eine Krankheit.

All jene, die nicht vom Balkan sind, werden diese „Zwickmühle“ vielleicht nicht ganz nachvollziehen können. Ich als serbische Bosnierin weiß aber nie so ganz, wie ich ausdrücken soll, in welcher Sprache ich mich unterhalte. Und vielen meiner Freunde geht es auch so. Welche Sprache spricht denn der kroatische Bosnier aus dem tiefsten Bosnien? Kroatisch? Am Meer in Kroatien wird er aber für sein „Bosnisch“ ausgelacht.

Nur weil sie Amra heißt und ich Alexandra?

Spreche ich also Serbisch? Fühlt sich irgendwie nicht so an, auch wenn ich sehr gut weiß, dass ich ziemlich alleine mit meiner Meinung bin. Aber ich kann nicht so ganz nachvollziehen, wieso ich eine andere Sprache als meine Freundin Amra sprechen soll, deren Eltern auch aus Bosnien stammen. Nur weil sie Amra heißt und ich Alexandra?

Also spreche ich doch Bosnisch? Schon eher, würde ich spontan antworten, denn die Wurzeln meiner Eltern sind ja in Bosnien-Herzegowina. Aber die Eigenständigkeit der bosnischen Sprache wird noch immer – nicht von mir – hinterfragt und je nach politischer Einstellung anders bewertet. Wenn ich „Bosnisch“ antworte, stoße ich bei anderen Balkanesen immer auf Reaktionen wie: „Aber du bist doch kein Moslem?“ Nein, aber was hat meine Religionszugehörigkeit mit meiner Sprache zu tun? Und wie wichtig ist dieser Aspekt für mich, immerhin bin ich kein bisschen gläubig?

„Naš.“

Erst kürzlich gab es eine Diskussion über eine neue Sprache: Bosniakisch. Wenn eh schon „nur Muslime“ sagen, sie sprechen Bosnisch und alle anderen auf Serbisch und Kroatisch beharren, wer spricht denn jetzt Bosniakisch? Ich bin mir sicher, dass mich jetzt viele für dumm und naiv bezeichnen werden. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich wieder „die serbische Verräterin“ sein werde, wie ich es schon so oft war. Immerhin bin ich als serbische Bosnierin oft die, die meine „Landsmänner“ kritisiert. Und selbst wenn jetzt einige meterlange Kommentare hinterlassen und historisch zu belegen versuchen, dass ich eindeutig Serbisch spreche, die Frage, welche Sprache ich denn nun spreche, ist zumindest in meinem Umfeld berechtigt. Denn vielen meiner Freunde und Kollegen geht es so wie mir.

Es ist wirklich ein Dilemma, wie unschwer zu erkennen ist. Ich bin froh, dass meine bisherige Antwort auf die Frage meiner Muttersprache relativ leicht durchgegangen ist. Auf Deutsch antworte ich nämlich mit „Jugo“ – auf Jugo antworte ich mit: „Naš.“ – was so viel wie „Unsrisch“ heißt. So kann ich nicht viel falsch machen.