Kürzlich habe ich ein Video von einer deutschen Bloggerin gesehen, in dem sie scherzte, „dass sie etwas Gutes getan hat, weil sie Zeit mit ihren Eltern verbracht hat“ und wurde stutzig. Was für eine bescheuerte Aussage, auch wenn es nur Spaß war. Aber dann komme ich ins Grübeln: Wieso schenke ich meiner Familie eigentlich so wenig Zeit?

Bis jemand heiratet. Oder stirbt.  

Die Wahrheit ist, dass man sich nur mehr auf Hochzeiten, irgendwelchen Festlichkeiten oder Begräbnissen regelmäßig sieht. Dabei kann man sich in solchen Situationen ja kaum richtig unterhalten. Jedes Mal aufs Neue nehme ich mir vor, mich ab jetzt öfters bei meiner älteren Schwester zu melden und mich mehr um meinen kleinen Cousin zu kümmern. Aber kaum bin ich vor der Tür, sind diese Gedanken wie vom Winde verweht. Jeder lebt sein Leben wie gehabt weiter. Bis jemand heiratet. Oder stirbt.

Familie, Vintage, Retro

Dabei liebe ich meine Familie. Ich habe drei tolle Schwestern. Meine Eltern würden so ziemlich alles für mich tun und meine Cousins und Cousinen sind talentierte und liebenswerte Kinder. Es geht also nicht darum, dass ich eine unausstehliche Verwandtschaft habe. Also abgesehen von ein paar schwarzen Schafen, aber das gehört wohl dazu. Es ist nur einfach so, dass alle von ihnen am Land leben und mein Lebensmittelpunkt Wien ist. Okay, das liest sich wie eine dumme Ausrede und ist es wahrscheinlich auch. Es ist ja nicht so, als wären diese 45 Minuten Fahrt unmöglich zu meistern.

Aber statt Zeit für die Familie aufzubringen, gehen wir aus, treffen Freunde oder chillen daheim. Ich will nicht sagen, dass man seine Freunde vernachlässigen sollte. Man sollte seinen Eltern aber genauso viel Wertschätzung entgegenbringen. Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass Papa und sie meine besten Freunde sind. Erst als ich erwachsen wurde, habe ich kapiert, wie Recht sie hatte. Wenn ihr also das nächste Mal den Anruf eurer Mutter wegdrückt oder genervt die Augen verdreht, wenn der Vater nicht weiß, warum der WLAN-Router nicht funktioniert, denkt lieber darüber nach, wie viel sie für euch getan haben und sicher noch tun werden.

Alles für Mama

Vor ein paar Jahren habe ich im Bus nach Bosnien eine etwa 30-jährige Frau mit ihrem kleinen Sohn kennengelernt. Wir haben uns nett unterhalten und kamen irgendwann zum Thema Pension. Sie hat mir erzählt, dass ihr Vater bis zu seinem 65. Lebensjahr geschuftet hat und drei Monate nach seiner Pensionierung gestorben ist. Sie bereue jeden Tag, nicht mehr Zeit mit ihm verbracht zu haben. Wenn ich nur an diese Situation denke, wie wir nachts durch Slowenien fahren und sie diese Worte ausspricht, bekomme ich Gänsehaut.

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Ich habe mit keinem Menschen so viele Erinnerungen, wie mit meinen Eltern und meinen Schwestern. Passend zu meinem 25. Geburtstag nehme ich mir also vor, ihnen mehr Zeit zu widmen. Statt das nächste Mal mit Freunden ins Kino zu gehen, werde ich einfach meine Mutter fragen, ob sie Lust hat. Dann werde ich mir wohl einen Julia Roberts-Film ansehen müssen. Aber hey, alles für Mama.