Immer wenn ich „Heimweh“ bekomme, fahre ich in den 15. Bezirk und suche das Pitawerk auf der äußeren Mariahilfer Straße auf. Die Gastfreundschaft, der Geruch, das Essen, die Musik – alles erinnert mich an meine Wurzeln. Denn auch ich vermisse Bosnien, ein Land, in dem ich noch nicht einmal geboren bin. Wie das sein kann? Lasst mich versuchen es zu erklären.

Es ist diese Sehnsucht, die mich überkommt, wenn meine Eltern von ihrer Kindheit erzählen. Es sind die warmen Sommerabende, die ich als Kind in Bosnien verbracht habe. Der schwarze Humor meiner Nachbarn. Meine Muttersprache, die mir so oft so fremd vorkam. Es ist das Verlangen, endlich irgendwo dazuzugehören. Letzteres blieb auch in Bosnien unerfüllt. Zu unterschiedlich war mein Leben von dem meiner in Bosnien lebenden Freunde.

Es ist unschwer zu erkennen, dass ich große Gefühle für das Heimatland meiner Eltern hege. Ich habe meinen Platz lange zwischen Österreichern und Jugos (Achtung, ich bin nicht politisch korrekt!) gesucht und habe diesen Platz letzten Endes in mir selbst gefunden. Trotzdem tut es gut, seine zweite Heimat zu besuchen, da werden mir die meisten Migranten zustimmen. Aber all meine Gefühle und all meine Erinnerungen tragen nicht dazu bei, dass ich stolz bin, serbisch-bosnische Wurzeln zu haben. Mir fehlt es an dieser großen Portion Nationalstolz, den viele verspüren.

Für mich ist es schlichtweg unbegreiflich, wie ein erwachsener Mensch so viel Stolz allein aufgrund seiner Herkunft empfinden kann. Ich verstehe es schon nicht, wenn jemand völlig überzogene und oft aggressive Gefühlsausbrüche bei Fußballspielen erlebt, bosnische, kroatische oder serbische Flaggen als Deko im Auto hat oder Fan faschistischer Sänger ist. Ich würde zum Beispiel nie auf die Idee kommen, ein Fahne in meiner Wohnung aufzuhängen oder in meinen Whatsapp-Status eine Fahne zu positionieren. Wieso macht man das? Warum spüren manche einen so übertriebenen Bezug zu ihren Wurzeln und sind stolz auf sie? Vielleicht ist nicht ganz klar, wieso ich impliziere, dass Patriotismus tendenziell eher etwas Schlechtes ist. Die Sache ist die: Die Grenze zwischen Nationalstolz und Nationalismus ist sehr schwammig. Nicht jeder, der ein Patriot ist, ist automatisch ein Nationalist. Aber jeder Nationalist ist ein Patriot.

Während meiner Kindheit und Jugend war die Frage der Zugehörigkeit eine, die ich lange nicht beantworten konnte. Das thematisiere ich in diesem Beitrag.  Der Beginn meiner Identitätskrise, wenn man sie zugespitzt so nennen möchte, war eine Präsentation über mein Herkunftsland. Ich habe eine Mappe voller Infos über BiH erstellt. Bis meine Tante meinte, dass ich aus der Republika Srpska stamme, einer Region in Bosnien. In diesem Moment hatte ich den Zwiespalt Bosniens das erste Mal verspürt. Es war plötzlich nicht mehr egal, ob ich mich als Bosnierin oder Serbin bezeichnete. Ich musste mich auf einmal entscheiden, ob ich Serbisch oder Bosnisch sprach. Das war und ist vor allem eine politische Entscheidung, weniger eine sprachliche.

Ich durchlief mehrere Ebenen: Zuerst war ich stolzer Jugo, dann stolze Serbin, zwischendurch bezeichnete ich mich auch gerne als stolze Ausländerin. Danach war ich lange Bosnierin. Die letzte Etappe war eine naive jugoslawische Nostalgie, die ich verspürt habe, ohne überhaupt zu wissen, wie es gewesen ist, im Staat Jugoslawien unter Tito zu leben. Schlussendlich habe ich begriffen: Das ist alles kompletter Unsinn.

Diese Erkenntnis hat ein bisschen länger als bis zur Volljährigkeit gedauert, aber ich würde sagen, der zeitliche Ablauf liegt im grünen Bereich. Ich habe eingesehen, dass es komisch ist, übertrieben stolz auf seine Herkunft zu sein. Ich frage mich, wieso diese Einsicht bei manchen niemals passiert? Dabei ist es doch fast so, als wäre ich stolz auf meinen Namen oder meine Größe. Ich habe nichts dafür getan und brüste mich trotzdem damit. Was für einen Sinn würde das machen? Die eigenen Wurzeln sind doch mehr oder weniger Zufall.

Verwechselt meine nüchterne Einstellung zu meinen Wurzeln nicht mit fehlendem Stolz auf meine Familie. Ich bin wahnsinnig stolz auf meine Eltern und meine Geschwister. Mama und Papa haben so viel erreicht, sie sind die gutmütigsten Menschen, die ich kenne und haben uns alle zu verantwortungsbewussten Persönlichkeiten erzogen. Aber der Fleiß und die Gutmütigkeit meiner Eltern haben nichts mit ihrer Nationalität zu tun.

Ich habe in meinem Leben viele Patrioten und viele Nationalisten kennengelernt. Kann es sein, dass Letztere nicht viel haben, auf das sie stolz sein können? Haben diese Menschen keine besonderen Talente, keine individuellen Eigenschaften, keine erreichten Ziele, keine Liebsten, die sie mit Stolz erfüllen? Haben sie denn nichts außer Frust, Hass gegenüber anderen Ethnien und einen völlig übertriebenen Bezug zu ihrem Heimatland, in dem sie oftmals nur einmal im Jahr zu Besuch sind? Viele von ihnen tragen mit ihrer überheblichen, anmaßenden und selbstgefälligen Art, wenn es um „ihr“ Land geht, das „besser“ ist als alle anderen Länder, dazu bei, dass ich einfach wenig mit Nationalstolz anfangen kann.

Es kann sein, dass ich mit dieser Meinung alleine bin. Aber Stolz sollte man empfinden, wenn man etwas im Leben erreicht hat. Wenn man sich Ziele setzt und diese erreicht, wenn man ruhigen Gewissens behaupten kann, dass man ein guter Mensch ist und seinen Teil dazu beiträgt, die Gesellschaft aufzuwerten. Ihr könnt euer Heimatland noch so sehr lieben. Das macht euch trotzdem nicht zu einem besseren Menschen. Dafür müsst ihr schon mehr tun, als eine Flagge im Auto hängen zu haben.