Ein etwa 30-jähriger Mann mit Vollbart blickt nervös von einer Seite der U-Bahn zur anderen. Er beißt auf seinen Fingernägeln und sieht ziemlich angeschlagen aus. Zwischen seinen Beinen ruht ein großer, verstaubter Koffer. Die U1 ist gerappelt voll, ich stehe gegenüber von ihm. Seine Art macht mich unruhig. Warum schaut er denn die ganze Zeit hin und her? Wieso ist er so aufgeregt und was befindet sich in diesem Koffer? Soll ich einschreiten, irgendeinen Verantwortlichen darüber informieren? Aber worüber informieren, dass da ein „nervöser Mann mit Koffer ist“?

In meinem Kopf spielt sich ein Szenario ab, für das ich mich im selben Moment sehr schäme. Ich stelle mir vor, wie der Mann „Allahu Akbar“ ruft, zu seiner Tasche greift und die U-Bahn in die Luft sprengt. Dieser Film spielt sich lediglich für einen Bruchteil der Sekunden ab. Ich schüttle wütend über mich selbst den Kopf und geniere mich in Grund und Boden dafür, dass ich diesen Mann aufgrund seines Aussehens als Terrorgefahr eingestuft habe. Mit so einem Denkansatz fühle ich mich keinen Deut besser als Trump. Die nächste Station ist seine, er steigt aus. Nichts passiert. Meine Gefühlsachterbahn spielt sich in wenigen Minuten ab: Unbehagen, Angst, Wut, Scham. Mir wird übel.

Es ist Anfang Februar. In den Medien liest man täglich von Terroranschlägen, die entweder passiert sind oder gerade noch vereitelt wurden. Als ich meinen Flug nach Paris buche, ist mein erster Gedanke: Hoffentlich verübt niemand einen Anschlag. Was ist bloß los mit mir? Ein paar Mal nun habe ich mich schon dabei erwischt, wie ich in die U-Bahn steige und Angst habe, dass etwas geschehen könnte. Manchmal geht es sogar soweit, dass ich Stationen einstufe: Je vernetzter und frequentierter, desto höher die Gefahr, dass etwas passiert. So schätze ich den Praterstern als gefährlicher ein als die U6-Station Siebenhirten. Mein Magen zieht sich bei dem Gedanken zusammen, dass bald auch Wien Opfer eines Anschlags werden könnte. Immer öfter sehe ich mir die Menschen in den öffentlichen Verkehrsmitteln genau an und denke darüber nach, wie tragisch es wäre, wenn ihnen Leid widerfahren würde. Da sind Kinder, Pensionisten, Studenten. So vorurteilsbehaftete Gedanken spielen sich auch bei „österreichisch-aussehenden“ Männern ab, die manchmal diesen aggressiven Blick aufgesetzt haben. Ich weiß, dass man nicht nur aufgrund von Äußerlichkeiten sagen kann, woher jemand kommt, aber ich schreibe gerade über Angst, die kann man oft nicht rational argumentieren. Bei diesen Männern habe ich große Sorge, dass sie MigrantInnen anpöbeln oder beleidigen. Das liegt wohl auch daran, dass ich oft Zeugin solcher Situationen wurde.

Ich erkenne mich nicht wieder. Sonst bin ich doch jemand, der versucht, eine positive Einstellung zum Leben zu wahren, trotz der weltpolitischen Ereignisse. Aber all meine innerlichen Ermahnungen bringen nichts. Angst ist ein Gefühl, das rationales Denken nicht zulässt. Und manchmal habe ich eben Angst. Nicht nur um mich, auch um meine Mitmenschen – dabei unterscheide ich nicht nach Herkunft, Hautfarbe, Aussehen oder ob mir jemand sympathisch oder unsympathisch ist. Ich habe einfach Angst, dass mir jemand Wien kaputt macht.

Es ist wohl Zeit, ehrlich zu mir selbst zu sein. Obwohl ich mir all der Fakten bewusst bin und weiß, dass Angst vor einem möglichen Terroranschlag mich nur in meinem Alltag beschränkt und die Quelle aller Hetze ist, kann ich mich selbst nicht vollständig aus diesem Teufelskreis herausnehmen. So viel Ehrhlichkeit muss sein, auch auf die Gefahr hin, dass mir jemand Rassismus vorwirft. Ich würde mich sonst wie eine Heuchlerin fühlen. Der für mich wohl schwerste Punkt ist, dass ich mich beruflich und privat um ein Miteinander bemühe und gegen Vorurteile kämpfe. Ich suche rechte Demos auf, um zu zeigen, wie es dort zu geht, welche Worte dort fallen und warum eine Partei wie die FPÖ nicht die richtige Lösung für unsere Probleme ist. Ich arbeite mit Flüchtlingen, versuche sie zu unterstützen und schreibe seit Jahren über den noch immer sehr präsenten Nationalismus am Balkan, aus dem oft Rassismus und Islamophobie resultieren. Ich solidarisiere mich mit gläubigen Muslimen, obwohl ich selbst nicht einmal gläubig bin. Und doch habe ich vor wenigen Wochen, auch wenn es nur für einen Bruchteil der Sekunde war, einen Mann verurteilt, der offensichtlich Migrationshintergrund hatte, nur weil er nervös mit einem Koffer in der U-Bahn gestanden ist. So sehr ich gegen Vorurteile und Pauschalisierungen kämpfe und auch selbst von ihnen betroffen bin, so sehr muss ich einsehen, dass auch ich manchmal in Schubladen denke.

Es ist wohl fast unmöglich, dass ein Mensch völlig vorurteilsfrei ist. Das hängt einerseits mit den von der Gesellschaft gegebenen Strukturen zusammen, andererseits aber auch mit der medialen Berichterstattung. Der Unterschied zwischen mir und einem FPÖ-Wähler, der sich von Hetze hat einlullen lassen, ist die Tatsache, dass ich es nicht bei dieser irrationalen, ungerechtfertigten Angst belasse, sondern meine Denkweise kritisch hinterfrage. Nach welchen Informationen urteile ich gerade? Begegne ich diesem Menschen auf Augenhöhe, ist mein Denkwese gerecht? Diese Selbstreflexion hat nichts mit meiner Berufswahl oder meinem Bildungsstand zu tun, lediglich mit einer gesunden Portion Hausverstand und meinem Sinn für Gerechtigkeit. Das sind Charaktereigenschaft, die ich mir über die Jahre versucht habe anzueignen. Wir können unsere Gedanken nicht immer lenken. Aber wir können an ihnen arbeiten und uns immer wieder ermahnen, dass wir Gefühle wie Angst oder Wut nicht vor Fakten stellen dürfen. Es wäre heuchlerisch von mir zu behaupten, dass ich jedem Menschen vorurteilsfrei gegenübertrete, das stimmt nicht. Ich bin mir meines Schubladen-Denkens bewusst, lege großen Wert auf Selbstreflexion und kläre mich selbst insofern auf, als dass ich nicht auf diese Vorurteile beharre. Das ist dieser wichtige Unterschied, der es schlussendlich ausmacht.