Sexuelle Gewalt hat keine soziale Schlicht, Hautfarbe,Religion, kein Alter, keinen Bildungsgrad. Aber Gewalt hat ein Geschlecht.

Als ich vor ein paar Tagen meinen Beitrag zur #metoo-Bewegung auf Instagram gepostet habe, war das Feedback fast ausschließlich positiv. Ich habe in dem Post offen darüber geschrieben, dass mich mein erster Freund mit 13 genötigt hat, ihn zu küssen, obwohl ich das nicht wollte. Dass eine Gruppe junger Männer mich in der Straßenbahn umzingelt und mich angefasst haben – so lange, bis ich geschrien und mit der Polizei gedroht habe. Dass eine Gruppe Rechtsradikaler auf einer Demo meinte, „das nächste Mal würden sie mich kriegen“. Etliche Male wurde ich sexuell belästigt, etliche Male habe ich geschwiegen. Damit ist nun Schluss. Wir müssen über Ereignisse wie diese und weitaus schlimmere sprechen, denn es gibt so viele Frauen weltweit, die nicht darüber sprechen können oder wollen. Niemand muss sich an dieser Stelle bedrängt fühlen, jede kann und soll für sich entscheiden, ob sie über ihre Erfahrung öffentlich reden möchte.

Ich bin – im Vergleich zu vielen anderen – noch glimpflich davongekommen. Das ist auch der Grund, warum ich lange dachte, mir wäre nichts passiert, worüber es sich zu reden lohnen würde. Aber genau hier liegt der Fehler: ständig werden Frauen mundtot gemacht, ihnen wird vorgeworfen, dass sie übertreiben oder überinterpretieren. Ihnen wird unterstellt, dass sie naiv und selbst schuld sind und, dass sie besser aufpassen hätten sollen. Es reicht. Es wird Zeit, das Problem beim Namen zu nennen. Denn sexuelle Gewalt ist kein Frauenproblem. Es ist ein Männerproblem.

Lasst uns nachdenken: Wie hoch sind die Chancen, dass ein Mann von einer Gruppe von Frauen in Indien vergewaltigt und ermordet wird? Wie oft passiert es, dass Frauen einen Mann abfüllen, sexuell misshandeln und das Ganze dann ins Internet stellen? Wie oft wird ein US-Soldat von einer Offizierin belästigt? Wie oft schlägt eine Gruppe von weiblichen Fußballhooligans eine Frau (oder einen Mann) tot? Wie oft verfolgt eine Frau einen Mann nachts nach Hause und drängt ihn eine Ecke? Wie oft prügelt eine Frau ihren Ehemann krankenhausreif? In Österreich hat jede fünfte Frau seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Jede dritte Frau hat sexuelle Belästigung in irgendeiner Form erlebt. Psychische Gewalt haben 38 Prozent von ihrem (Ex)-Partner erlebt. 77 Prozent der EU-weit betroffenen Frauen kennen den Täter. Aber: Kriminalstatistiken sind oft nur ein Anhaltspunkt, viele sexuelle Übergriffe werden nie angezeigt. Eine europäische Studie aus dem Jahr 2009 zeigt, dass in Österreich nicht einmal eine von zehn Vergewaltigungen zur Anzeige gebracht wird. Die Dunkelziffer ist also viel höher.

Ja, auch Männer sind Opfer (sexueller) Gewalt

Ich persönlich kenne keine einzige Frau, die nicht schon mindestens einmal sexuell belästigt oder missbraucht wurde. Ja, auch Männer werden Opfer von (sexueller) Gewalt. Nein, das bedeutet nicht, dass jeder Mann gewalttätig ist. Nein, es bedeutet auch nicht, dass nur Frauen Opfer von sexueller Gewalt sind. Auch Kinder und Männer sind davon betroffen – meist von anderen Männern. Auch marginalisierte Randgruppen wie etwa die LGBTIQ+-Community haben stark darunter zu leiden. Natürlich können auch Frauen gewalttätig werden. Aber bitte lasst uns keine Tatsachen relativieren. Ich finde es sehr fragwürdig und heuchlerisch, wenn Menschen mit dem Argument kommen, dass „nicht nur Frauen Opfer sind“ oder, „dass das nicht nur ein Frauenproblem ist.“ Das kommt nämlich meist dann, wenn man über Gewalt gegen Frauen ausgehend von Männern spricht. Es verhält sich hier ähnlich wie bei den selbst ernannten Feministen, die uns Frauen „vor der Islamisierung schützen wollen“ und ein Kopftuchverbot anstreben, um „sich für Frauenrechte einzusetzen.“ Rechte Parteien argumentieren regelmäßig auf dieser Ebene, ignorieren dabei die frauenfeindliche Politik, die sie betreiben und das sexistische Frauenbild, das sie unterstützen. Das sind dann auch jene, die grölen, dass man eine Frau nun nicht einmal mehr ansprechen darf. Wer den Unterschied zwischen flirten und sexueller Belästigung nicht kennt, der sollte Ersteres bitte ganz bleiben lassen.

Wird ein sexuelles Gewaltdelikt verübt, so spricht man über das Aussehen, Alter und die Herkunft des Täters. Nach dem Geschlecht wird gar nicht erst gefragt, weil alle davon ausgehen, dass es sich um einen Mann handelt. Wie kann das sein? Unsere Gesellschaft lehrt Männer, dass sie Gefühle unterdrücken müssen. Männer gelten dann als männlich, wenn sie stark sind, wenn sie sich holen, was ihnen zusteht. Männer müssen Frauen erobern. Männer wissen besser, was Frauen „wirklich“ wollen und was ihnen gut tut. Ein Mann ist dann ein Held, wenn er sich in der Bar prügelt, um die Ehre einer Frau zu verteidigen. Soldaten sind mutig, stark, die Superlative des Männlichen. Ein Bruder ist dann ein guter Bruder, wenn er seiner Schwester sagt, was sie zu tun hat und sie beschützt – vor anderen Männern. Männer, die weinen, sind Schwächlinge. Der SZ-Journalist Julian Dörr schreibt, dass Gewalt als wichtiger und zentraler Teil des Mannsein akzeptiert wird und hat damit völlig Recht. Ich möchte mit diesem Text auf gar keinen Fall sexuelle Gewalt gegen Männer nicht kleinreden oder dementieren. Darüber muss auch gesprochen werden. Ich möchte aber folgende Frage in den Raum werfen: Welches Geschlecht hatte der Täter in den meisten Fällen, unabhängig ob das Opfer ein Mann oder eine Frau ist?

Frauen leben in einer gesellschaftlichen Struktur, in der sie kleingemacht, diskriminiert, begrapscht, belästigt, missbraucht, vergewaltigt werden. Wir leben in einer misogynen Gesellschaft mit verheerenden Machtverhältnisse und veralteten Geschlechterrollen. In dem Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ schreibt die Autorin Rebecca Solnit: „Die Pandemie der Gewalt wird ständig mit allem Möglichen erklärt, außer mit dem Geschlecht, außer mit dem, was das umfassendste Erklärungsmuster zu sein scheint.“ Wenn wir über sexuelle Gewalt sprechen, müssen wir auch von Männlichkeit sprechen. Ohne, dass jemand glaubt, das Mannsein verteidigen zu müssen. Ohne, dass sich Männer mit scheinheiligen Aussagen zu Wort melden und Frauen Vorwürfe machen. Denn: nicht die Opfer müssen sich rechtfertigen, die Täter müssen es.

 


Weiterführende Links:

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gewalt-der-taeter-ist-fast-immer-ein-mann-kolumne-a-1097493.html
http://www.zeit.de/zeit-magazin/2015/32/rebecca-solnit-autorin-wenn-maenner-mir-die-welt-erklaeren
http://www.frauennotrufe.at/cms/images/stories/ZAHLENDATENFAKTENzuSexuellerGewaltSeptember2014.pdf
http://www.sueddeutsche.de/kultur/sexismus-und-sprache-gewalt-gegen-frauen-ist-gewalt-von-maennern-1.3714509
http://www.tagesspiegel.de/kultur/rebecca-solnit-wenn-maenner-mir-die-welt-erklaeren-sprache-ist-gewalt/12312762.html