Wann habt ihr jemandem das letzte Mal einen Gefallen getan? Wann habt ihr euch zuletzt aufrichtig bedankt?

Ich habe vor ein paar Jahren einen Beitrag für biber über einen Obdachlosen geschrieben. Damals ist mir der Mann bei meiner U-Bahnstation aufgefallen, er hat mit dem Schild „Ich bin obdachlos und habe Hunger“ gebettelt. Die ersten Male bin ich – wie die meisten Passanten – an ihm vorbeigegangen, ohne ihm Geld zu geben. Irgendwann bin ich zum gegenüberliegenden Mc Donald’s gelaufen und habe ihm einen Cheeseburger, Pommes und eine Cola gekauft. Am Tag darauf bin ich wieder bei ihm vorbeigegangen, habe ihm ein Lächeln geschenkt und was ist passiert? Gar nichts. Er hat mich nicht erkannt oder hat zumindest so getan, als würde er mich nicht erkennen. Ich war so wütend, so wütend und so kindisch. Mit dem wenigen Geld, das ich hatte – zu der Zeit habe ich deutlich weniger verdient – mache ich mir die Mühe und versorge ihn mit Essen und er kann sich noch nicht einmal mein Gesicht merken?

Seither sind sechs Jahre vergangen und ich denke oft über diese Situation nach. Wie egoistisch und selbstgefällig ich doch war. Zu dieser Erkenntnis bin ich zwar sehr schnell gekommen, trotzdem hat mich dieser Gedanke lange Zeit nicht losgelassen. Mir scheint, als hätte ich ihm damals nicht geholfen, um ihm zu helfen. Ich habe ihm geholfen, um mich besser zu fühlen, um mich in der Sicherheit zu wägen, ich sei ein guter Mensch.

Bei einer guter Tat geht es aber nicht darum, sich selbst besser zu fühlen, sondern etwas Gutes zu tun. Dieses wohlige Gefühl des „Ich-habe-geholfen“ ist ein netter und wichtiger Nebeneffekt, darum geht es aber nicht. Das sollte nicht der Anlass sein, zu helfen. Nicht bei Obdachlosen, nicht bei Freunden. Wenn man jemandem hilft, kann man nicht erwarten, etwas im Gegenzug zu bekommen – ich wollte damals, dass der Mann mich wiedererkennt. Tut man jemandem einen Gefallen, sollte man das nicht aus Eigeninteresse tun, sondern um Hilfsbereitschaft zu zeigen.

Ich habe diese Erkenntnis mit 19 gemacht. Ich habe das Gefühl, dass viele noch nicht so weit sind. Letztes Jahr habe ich mich auch wieder dabei ertappt. Ich habe einige Stunden im Flüchtlingscamp in Traiskirchen verbracht und Sachspenden verteilt. Wie viele andere Privatpersonen wurde ich mit teilweise sehr schwierigen Situationen konfrontiert. Gedränge, Menschen, die öfters das gleiche Paket einstecken wollen oder anderen keine Spenden gönnen.

Natürlich war und bin ich mir bewusst, dass Flüchtlinge – genau wie jeder andere Mensch – gute und schlechte Charaktereigenschaften haben und es nicht die eine Gruppe „Flüchtlinge“ gibt, über die man sich pauschal ein Urteil fällen kann. Und natürlich weiß ich, dass sie viel Schlimmes gesehen und erlebt haben und, dass man diese Information berücksichtigen muss. Aber ich als junge Frau war dort das ein oder andere Mal wirklich überfordert. Aber darum geht es jetzt nicht. Es geht um einen Gedanken, den ich für den Bruchteil einer Sekunde hatte: „Können die nicht ein bisschen dankbarer sein?“ Ich habe im gleichen Momenten kapiert, wie falsch dieser Ansatz ist. Abgesehen davon, dass sich die meisten ganz herzlich bedankt haben, geht es nicht darum, ein Danke zu hören. Es geht darum, Menschen in Not zur Seite zu stehen, ganz unabhängig davon, wie sie auf diese gute Tat reagieren.

Irgendwo verstehe ich es aber, dass man möchte, dass Hilfe wertgeschätzt wird. Wenn ich jemandem beim Umzug helfe oder ihm finanziell unter die Arme greife, möchte ich einfach wissen, dass diese Hilfe nicht als selbstverständlich genommen wird. In den meisten Fällen passiert das aber sowieso nicht. Nichtsdestotrotz muss man sich meiner Ansicht nach bewusst dessen sein, dass man eine gute Tat nicht wegen des „Danke“ vollbracht hat. Jeder Mensch, der sich nicht bedankt, ist unhöflich und womöglich auch undankbar. Aber jeder, der anderen nur hilft, weil er auch einen Gefallen braucht oder sich irgendetwas erwartet, schießt am Ziel vorbei. Man hilft, weil man helfen möchte. Das ist alles.