Alt, jung, konservativ, aufgeschlossen, schüchtern, frech, Migrantin, Oberösterreicherin, Hofer-Wählerin, Hausfrau, Studentin, am Land lebend, Stadtmädchen – diese Zeilen widme ich euch. Bitte nehmt sie euch zu Herzen. Feminismus sollte ein Teil unser aller Leben sein.

Wertschätzung

Der Begriff Wert­schät­zung laut Duden: Wertschätzung. die, Wortart: Substantiv, feminin. Bedeutungsübersicht: Ansehen, Achtung; Anerkennung; hohe Einschätzung. Wie viele von uns fragen sich eigentlich: Wie sehr schätze ich mich selbst? Wie sehr schätzt mich mein Umfeld, wie sehr schätzt mich mein Partner als Mensch? Nein, ich gebe euch jetzt keine Beziehungstipps. Frauen waren Männer lange Zeit untergeordnet, diese Schubladendenken ist oft noch immer präsent. Klar, man macht uns Komplimente, hält uns die Tür auf und lässt uns keine schweren Sachen tragen. Ich persönlich habe aber kein Problem damit, mitanzupacken, wenn das bedeutet, dass man mir auf Augenhöhe entgegenkommt. Frauen muss endlich die gleiche Anerkennung, der gleiche Respekt entgegengebracht werden wie Männern – in jeder Hinsicht.

Denn es ist doch so: Wir müssen nicht mehr hinter dem Herd stehen und die perfekte Hausfrau spielen, um Ansehen zu erhalten. Ich habe von Freundinnen oft gehört, dass sie den Abwasch oder die Bügelwäsche übernehmen, „weil er es ja nicht besser weiß“ und „weil sich manche Sachen halt gehören“.  Mädel, wenn er sein Hemd nicht bügeln kann, dann zeigt ihm, wie es geht. Und dieses „etwas gehört sich“ kann ich offen gestanden nicht mehr hören. Wer setzt dafür den Maßstab? Wer sagt, was sich gehört und was nicht?

Die Zeiten sind vorbei, in denen wir Geschlechterrollen hinnehmen mussten. Wir müssen keinem bestimmten Bild einer Frau gerecht werden. Versteht mich nicht falsch: Wenn ihr gerne Hausfrau seid, ist das eure Sache und völlig in Ordnung. Es ist aber nicht in Ordnung, wenn ihr das macht, weil ihr es nicht besser kennt, es euer Mann von euch verlangt oder ihr Sorge habt, den Ansprüchen von irgendjemandem nicht gerecht zu werden. Die von vielen noch immer verlangte Rolle der Frau ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Auch wenn es (FPÖ)-Politiker gibt, die finden, Frauen sollten sich der „Brutpflege“ (siehe Video) hingeben: Wir verdienen Wertschätzung nicht nur dann, wenn wir uns so verhalten, wie man(n) es uns will. Wir müssen lernen, uns selbst Wertschätzung entgegenzubringen und uns bewusst werden, dass wir, auch wenn wir nicht die „klassische“ Frau sind, Wertschätzung verdient haben.

Support

Ich will hier nicht nur Männer kritisieren, denn auch von Frauen wünsche ich mir oft mehr Unterstützung. Das beginnt bei banalen Aussagen wie: „Ich bin viel lieber mit Männern befreundet. Die sind nicht so kompliziert und falsch.“Aha. Wir stecken uns also gegenseitig in Schubladen. Es ist viel cooler, als Mädchen mit Jungs abzuhängen, das lernen wir schon in der Unterstufe. In meiner Jugend war das auch so ein Thema. Mädels, die mit Burschen befreundet waren, galten als tough, cool und mutig. Mit 25 weiß ich, dass das kompletter Blödsinn ist. Indirekt vermitteln wir uns selbst das Gefühl, dass wir a) nicht so gute Freundinnen und b) auch nicht so cool wie Männer sind. So unterstützen wir Klischees, machen uns selbst runter und ja, es klingt schon auch ein bisschen wie im Kindergarten. Als wäre das Geschlecht ausschlaggebend für eine ehrliche Freundschaft, das kann doch niemand wirklich glauben.

Aber damit ist noch nicht Schluss. Wieso verurteilen wir zum Beispiel andere Frauen, wenn sie zu kurze Röcke tragen oder einen offeneren Umgang mit Männern haben? Wieso bezeichnen wir sie als Schlampen? Oder: Wieso überlässt man auch heute noch politische Debatten Männern im Wohnzimmer, während Frauen in der Küche tratschen? Meine Freundin Melisa hat vor einiger Zeit einen ausgezeichneten Beitrag über die Diskussionskultur zwischen Männern und Frauen geschrieben. Das Fazit ihres kleinen Selbstexperiments: „Wenn Frau diskutiert, muss das immer eine andere, tiefere Bedeutung haben. Das, was sie sagt, meint sie nicht wirklich, sie ist nur gerade in einer unglücklichen Beziehung oder unzufrieden mit sich selbst. Frauen werden oft als irrationale Wesen dargestellt, die nicht nüchtern über eine Sache sprechen können, denn sie werden immer von ihren Gefühlen geleitet.“ 

Auf Facebook hat sie dafür Kritik von – haltet euch fest – Frauen bekommen. „Das ist mir noch nie widerfahren“, „das ist völlig übertrieben“, „das kann nur an Melisas Umfeld liegen“ – und was passiert? Männer fühlen sich darin bestätigt, dass andere Frauen gar nicht Melisas Meinung sind. Jetzt wirkt es so, als hätte sie total übertrieben. Ich sage nicht, dass man allem mit Ja und Amen zustimmen muss, trotzdem sollten auch Frauen, die sich mit dem Thema Feminismus nicht so auseinandersetzen, jene, die es tun, unterstützen. Nehmen wir ein alltägliches Beispiel: Frauen mit Kopftuch werden in letzter Zeit vermehrt Opfer von Beleidigungen auf offener Straße. Welchen Sinn würde es machen, wenn jene Kopftuchträgerinnen, denen das noch nicht passiert ist, aufschreien: „Nein, das kann nicht sein! Noch nie erlebt!“ Oder ein anderes Beispiel: Eine Studie der AK Wien hat ergeben, dass  Diskriminierung junger Frauen im Beruf oder in der Ausbildung weit verbreitet ist. 22 Prozent sagen, dass sie anzügliche Bemerkungen erlebt haben, 19 Prozent berichten von abwertenden Aussagen und sieben Prozent geben an, dass sie sexuelle Belästigung erfahren haben. Meine Damen: Nur weil ihr nicht zu diesen 22, 19 oder sieben Prozent gehört, heißt es nicht, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz nicht existiert. Versteht ihr, worauf ich hinaus will? Wir müssen endlich anfangen, alle an einem Strang zu ziehen. Es hilft niemandem, weder euch, noch euren Müttern, Schwestern, euren (noch nicht geborenen) Töchtern und Freundinnen, wenn ihr verächtlich die Nase rümpft, wenn sich andere für Frauenrechte einsetzen.

Und um passend dazu noch ein anderes Thema anzureißen: Das Abtreibungsverbot in Polen. Es ist absurd und macht mich rasend vor Wut, dass ich das überhaupt niederschreiben muss, aber: Eine Frau darf selbst entscheiden, ob sie ein Kind behalten möchte oder nicht. PUNKT. Es mag unmenschlich für manch einen sein, trotzdem ist und bleibt es die Entscheidung der Frau. Da hat sich kein Politiker, kein Staat einzumischen. Ich kann nicht glauben, dass es auch weibliche Befürworter dieses Verbots gibt. Ich bin fassungslos, wirklich. Gestern habe ich mich mit einer Freundin getroffen, die zwei Bekannte hat, die gegen Abtreibung sind, selbst wenn die Frau vergewaltigt wurde. Ich musste mich wirklich zusammenreißen, um nicht laut zu werden, auch wenn meine Freundin in diesem Moment nur die Überbringerin war.

Statt also von Schlampen zu sprechen, rückschrittliche Entscheidungen zu befürworten, uns selbst in veraltete Geschlechterrollen zu drängen und andere zu verurteilen, sollten wir anfangen, uns gegenseitig zu unterstützen. Das ist auch einer der vielen Gründe, warum ich mein #GIRLPOWER – support your local girl gang-Projekt ins Leben gerufen habe. Ich möchte Frauen auf meine eigene Art und Weise unterstützen, so wie ich es eben am besten kann. Das sollte jede von uns tun.

Einsatz

Mindestens genauso wichtig wie Wertschätzung einzufordern und sich selbst entgegenzubringen und andere zu unterstützen, ist die Eigeninitiative. Eine Bekannte hat mich letztens gefragt, warum ich mir an der Uni so viele Gender-Vorlesungen „antue“. Ich werde dort „doch nur von Öko-Fuzis und Kampflesben umgeben sein“. Auch nicht schlecht diese Aussage, oder was meint ihr? Bitte, falls ihr euch gerade dabei erwischt habt, dass ihr zumindest schon mal ähnliche Gedanken hattet, dann hört auf meine Worte und lasst diesen Unfug sein.  Ihr müsst nicht wie ich feministische Beiträge verfassen und Gender-Vorlesungen besuchen, trotzdem könnt ihr so einiges leisten, um das Frauenbild zu stärken. Euer Bruder hilft seiner Frau nicht beim Haushalt? Macht ihm bewusst, dass ihn der Haushalt auch zu kümmern hat. Euer Chef reißt sexistische Witze? Sagt ihm, dass ihr das nicht okay findet. Eure Freunde reduzieren eine Kellnerin auf ihre Brüste? Weist sie in ihre Schranken. Eine Freundin beschimpft eine leichtbekleidete Frau als „Schlampe“? Fragt sie, ob ihr ein männliches Pendant zu Begriffen wie Schlampe, Hure oder Bitch einfällt und nachdem sie mit Nein geantwortet hat, erklärt ihr, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Eure Schwiegermutter will, dass ihr beim Aufräumen helft? Bittet euren Schwiegervater und euren Freund, mitzuhelfen. Eine Kollegin zieht den Einsatz von „Hardcore-Emanzen“ ins Lächerliche? Erinnert sie daran, dass sich diese „Hardcore-Emanzen“ auch für ihre Rechte einsetzen. Arbeitet an euch selbst, beseitigt Klischees, setzt euer Hirn ein, auch wenn es gemütlicher wäre, Feminismus als unnötig abzustempeln. Verkauft euch nicht unter eurem Wert, akzeptiert es nicht, wenn euch jemand aufgrund eures Geschlechts nicht auf Augenhöhe begegnet. Feminismus wurde nicht von gelangweilten, pingeligen und übereifrigen Studentinnen ins Leben gerufen. Sexismus ist ein allgegenwärtiges Problem, mit der jede von uns täglich zu kämpfen hat. Und jede kann täglich etwas dagegen tun.