Beim Betreten von Leonies Wohnung bin ich im ersten Moment baff. „Wow, hier sieht es ja aus“, sage ich lachend. Hier ein Textmarker am Boden, da ein Glas mit eingetrocknetem Smoothie. Man könnte meinen, dass mich das Chaos abgeschreckt hat, aber das Gegenteil war der Fall. Ich fühle mich direkt wohl. Wenn wirklich gute Freunde zu Besuch kommen, räumt man die Wohnung ja auch nicht auf. Und so fühlt es sich an, als würde ich Leonie schon kennen, obwohl ich sie das erste Mal treffe. Die 18-Jährige lebt mit ihrer Mutter zusammen, die ist für ein paar Tage weg. „Morgen muss ich eh alles aufräumen“, gesteht sie mir lachend. „Mama und ich verstehen uns sehr gut, aber wenn es meine Unordnung geht, krachen wir aneinander.“

Das Chaos passt irgendwie zu Leonie. Sie zeichnet wahnsinnig gerne und möchte nach der Schule Tätowiererin werden. „Das Zeichnen gibt mir Ruhe, ich bin dann wie in Trance.“ Leonie bezeichnet sich selbst zwar als stark, gleichzeitig beschäftigt sie ihr Körper wahnsinnig. „Ich fühle mich oft noch zu dick.“ In der Volksschule gehört sie zu den dickeren Kindern, dieser Stempel hat sie über die Jahre hinweg begleitet. Die Schuld dafür gibt sie Werbung und Medien. „Überall werden nur perfekte Körper gezeigt, das beginnt bei Unterwäsche und geht in jeder anderen noch so alltäglichen Angelegenheit weiter.“ Auch ihr passiert das ein oder andere Mal, dass sie spürt, „nicht dünn genug zu sein.“ So hat ihr ein Junge auf einer Homeparty einmal gesagt, dass „sie die Schönste sein könnte, hätte sie nur zehn Kilogramm weniger.“ Leonie ist sich sicher, ihre Unsicherheit wäre weniger schlimm, wären auch normale Frauen zu sehen. „Es wäre wirklich schön, wenn man in Werbungen eine gesunde Normalität zu sehen bekommen würde.“ Keine Kampagnen, die extra für „Dickere“ ausgelegt sind und die in Wirklichkeit weiterhin nur Ausnahmen sind, um alle potentiellen Zielgruppen abzudecken.

Neben dem völlig verzerrten Schönheitsideal stört Leonie auch, mit welchem Druck Frauen zu kämpfen haben, wenn sie ihr Leben so gestalten, wie sie es möchten. „Eine Freundin von mir lebt sehr frei und ist offen gegenüber Männern.“ Ihr werde deswegen zum Vorwurf gemacht, sie sei billig. „Wir zwei werden dann gefragt, ob wir uns nicht für unseren Lifestyle schämen.“ Wenn ein Mann aber viele Frauen treffe oder viel Party mache, so werde ihm hintergeschmäht. Fast so, als hätte er Großes geleistet. „Er ist der Frauenheld, wir die Schlampen.“ Leonies Meinung nach muss man sich schon im Aufklärungsunterricht mit dieser veralteten Geschlechterrollen beschäftigen. „Und die Eltern, die müssen ihre Kids auch aufklären“, ist sie sich sicher. „Meine Mutter hat mir beigebracht, dass ich mich keinen gesellschaftlichen Strukturen unterordnen muss, nur um dazuzugehören.“ Warum sollten für Frauen andere Regeln gelten als für Männer?, fragt sich Leonie zurecht. „Jeder soll sich ausleben, wie er möchte. Solange dabei niemand verletzt wird, hat jeder das Recht, sein Leben nach seinen Vorstellungen zu gestalten.“