Etwas Besonderes sein, unter allen Umständen, ohne Rücksicht auf Verluste. Immer wieder erlebe ich, wie sich Menschen von der Masse hervorheben wollen. Dieser Anfall von ich-möchte-einzigartig-sein ist wohl eine der Begleiterscheinungen unserer selbstdarstellerischen Gesellschaft. Sich selbst in ein möglichst gutes Licht zu rücken, scheint zur Königsdisziplin für so manch einen geworden zu sein. Ständig betonen sie, wie gut sie in einer Sache und wie schlecht andere in der gleichen Sache sind – manchmal subtil, manchmal auch sehr offensichtlich.

Geschmückt mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus zeigen sie mit dem Finger auf andere und verurteilen sie und rufen absurderweise im gleichen Atemzug „leben und leben lassen“. Manche sind sich nicht zu schade dafür, sich selbst Tag ein, Tag aus auf die Schulter zu klopfen und vergessen dabei, dass das Kleinreden anderer dafür gar nicht notwendig ist. Mit Anfang 20 habe ich die Meinung vertreten, dass Menschen ruhig arrogant sein können, solange sie eine wirklich außergewöhnliche Leistung erbracht haben.

Heute weiß ich, dass ich Arroganz mit Selbstsicherheit verwechselt habe. Wir können und sollen möglichst selbstbewusst sein, natürlich. Aber wie viel wert ist dieses Selbstbewusstsein, wenn wir es auf dem Rücken anderer austragen und uns nur im Vergleich definieren können? Überheblichkeit ist keine Tugend, nichts Erstrebenswertes. Menschen können intelligent, erfolgreich und gutaussehend sein, ohne dabei auf andere einzutreten. Aber der Ehrlichkeit halber: So ganz verübeln kann man es ihnen ja nicht. Jeder möchte bis zu einem gewissen Grad einzigartig sein, manche bezahlen nur einen teureren Preis dafür – Grund dafür ist wohl ihre Unsicherheit, die sie so zu überspielen versuchen.

Aber wer sich nur dann wirklich gut fühlt, indem er auf andere herabsieht, der ist viel, aber wahrlich nichts Besonderes. Und wer sich von meinen Worten angesprochen fühlt, der möge den Fehler nicht bei mir suchen, sondern das Problem an der Wurzel anpacken.