Es ist wieder soweit. Ich spüre, wie sich mein Körpergefühl von einen Tag auf den anderen verändert. Plötzlich finde ich, dass mir mein Lieblingskleid nicht steht. In der Hose, die ich sonst drei Mal die Woche anhabe, ertrage ich mich nicht. Es ist wieder soweit. Die Tage im Monat, an denen nichts passt und ich alles scheiße finde.

Pünktlich zu Beginn des Vortrags ist sie da, meine monatliche Begleiterin, die Menstruation. Sie klopft an die Tür oder besser gesagt an mein Höschen. Über Hass im Netz soll ich in dem Vortrag sprechen und warum wir Frauen davon so viel stärker betroffen sind. Ich lese mir noch einmal ein paar der Hasskommentare durch, die ich manchmal erhalte. „Drecksfotze“ steht da und „linke Heuchlerin“. Heute geht mir das näher als sonst und das obwohl es schon Monate her ist, als ich sie bekommen habe. Kein Wunder, es ist ja auch der erste Tag meiner Blutung.Da bin ich besonders sensibel.

Aber spulen wir zurück: Ich stehe vor dem Kleiderschrank und suche nach dem gemütlichsten Outfit, das ich finden kann. Herzeigbar muss es auch sein, zu dem Termin kann ich nicht mit Jogger und Schlabbershirt antanzen. Das würde ich aber am liebsten. Nein, am liebsten würde ich im Bett bleiben, Friends schauen und Pizza essen. Ach, diese Zeit im Monat, die manche liebevoll die „Erdbeerwoche“ nennen. Ich verniedliche aber ungern etwas, das ohnehin schon tabuisiert wird. Meine Menstruation steht an und mit ihr alle Folgen: Schweißausbrüche, Bauchkrämpfe, Rückenschmerzen, Migräne.

Als ich dieses Beitragsfoto vor einiger Zeit auf Instagram gepostet habe, habe ich fast ausschließlich positives Feedback erhalten. Bis auf den Kommentar einer Frau, die folgendes geschrieben hat: „bei allem respekt aleks…aber warum macht man das selbe dann nicht mit seinem stuhlgang? finde ich zu intim und kann man getrost aus fotos raushalten (:“

Abgesehen davon, dass sie meinen Namen falsch geschrieben hat, finde ich ihr Argument sehr fragwürdig. Wir teilen die intimsten Momente auf Social Media. Ultraschall- und Babyfotos direkt nach der Geburt, Krankheiten, Todesfälle, Verlobungs- und Hochzeitsfeiern, Trennungen oder Bilder vom Strand oder lasziv posend. Und hier soll die Grenze gezogen wegen? Über die Menstruation einer Frau zu sprechen, das geht zu weit? Es sagt sehr viel über unsere Gesellschaft aus, dass die meisten ausgerechnet hier die Grenze ziehen. Dieses Foto wird von einigen sicher als ekelhaft empfunden. Was, wenn es zerdrückte Kirschen wären und nicht mein Blut? Wäre das weniger schlimm? Wieso sind gewaltvolle Szenen in so ziemlich jedem Action-Film nicht ekelerregend? Wieso stört es uns nicht, wenn bei Serien wie Game of Thrones oder auch Emergency Room extrem viel Blut zu sehen ist?

Ich habe es so satt, dass die monatliche Blutung einer Frau weiterhin ein Tabuthema ist. Trotzdem erwische ich mich dabei, wie ich überlege, diesen Beitrag besser nicht auf Facebook zu posten. Der Nachbar meiner Schwester oder mein Onkel könnten ihn lesen. Dann bin ich wütend auf mich selbst, weil ich so denke. Genau das sollen sie doch, deswegen schreibe ich ja darüber – um dieses Tabu endlich zu brechen. Nicht umsonst habe ich meine Fotostrecke „It’s all about our blood“ gestartet. Wenn sich mir andere Frauen öffnen und extrem intime Interviews und Fotos zulassen, wieso sollte ich mich selbst anders verhalten? Ich schiebe die negativen Gedanken auf mein Bauchweh und konzentriere mich aufs Wesentliche: mein Wohlbefinden.

Nach elf Jahren weiß ich nur zu gut, was zu tun ist, um die kommenden Tage besser zu überstehen. Keidung anziehen, in der ich problemlos 12 Stunden am Stück arbeiten kann. Gnädig zu mir selbst sein. Viel Wasser trinken und lustige Podcasts hören. Dem Körpergefühl, dass ich 21 Tage im Monat habe, vertrauen. Die immer lauter werdende Stimme, die mich hässlich und dick nennt, ignorieren – ganz verbannen konnte ich sie noch nicht, dafür sitzt sie viel zu tief drinnen. Ein verlässliches Früchtchen, diese Stimme. Meldet sich immer dann zu Wort, wenn sich der Geist ausruhen sollte, weil der Körper ohnehin schon leidet. Aber dann wäre das alles ja viel zu leicht, nicht wahr? Aber hey, ein Gedanke, der mir immer viel Trost spendet und: Alles, was Männer können, können wir Frauen, während wir bluten.