Um Entscheidungen zu treffen, braucht es manchmal eine große Portion Mut. Ich habe dieses Jahr sehr viele schwierige ganz bewusst getroffen.

Manchmal fällt es mir schwer, mich zwischen den einfachsten Dingen zu entscheiden. Habe ich Lust auf Pizza oder Ramen? Möchte ich lieber eine Serie schauen oder doch einen Film? Meine Freundinnen würden mich wohl nicht als die entscheidungsfreudigste Person der Welt beschreiben. Ich wäge alle Möglichkeiten ab und brauche dafür mehr Zeit als andere. Eins aber habe ich verstanden: Die Wahl meines Abendessens ist nicht besonders wichtig und wird mich in fünf Jahren nicht weiter beschäftigen. Ob ich aber beispielsweise bei den Wahlen meine Stimme abgegeben habe, sehr wohl.

Es sind vor allem gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Fragen, die mich aktuell beschäftigen. Eine sehr bewusste Entscheidung, die ich dieses Jahr gemacht habe war, mich nicht mehr in Schubladen stecken zu lassen. Auch wenn ich besonders darauf achte, mein Leben so zu gestalten, wie ich es für richtig halte, erwische ich mich oft dabei, wie ich mich von gesellschaftlichen Denkmustern prägen lasse. Etwa wenn ich Interviews gebe. Ich spiele dann oft mit dem Gedanken, mich „weniger hübsch zu machen“, also kaum Make Up zu tragen, nicht das Lieblingsoutfit auszusuchen und mir die Haare nicht zu waschen. Dieser Gedankengang ist grundlegend falsch. Ich überlege, nicht so außer Haus zu gehen, wie ich gerne würde, weil ich Angst habe, nicht als kompetent genug empfunden zu werden. Als ich vor einiger Zeit ein Gespräch mit einem alteingesessenen Tageszeitungs-Kolumnisten geführt und den sonst so schlagfertigen Mann mit einer Frage zum Stottern gebracht hatte, meinte ein Kollege, der auch anwesend war: „Eh klar, so gut wie du aussiehst.“ Was bestimmt als Kompliment gemeint war, hat mich sehr gekränkt. Nicht meine schlaue Frage soll den Kolumnisten aus dem Konzept gebracht haben, sondern mein Aussehen. Das ist nur eines von etlichen Beispielen.

Wo bleibt die Chancengleichheit?

Dass Frauen auf ihr Aussehen reduziert werden, ist nur einer von vielen Stolpersteinen auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter. Laut dem „Global Gender Gap Report“ soll es bis dahin noch 170 Jahre dauern, wenn sich nicht schnell etwas ändert. Bei der Arbeit verdienen Männer bei gleichen Kompetenzen mehr. Gibt es Aufstiegsmöglichkeiten, bekommen eher Männer die Chance. In 159 der 200 Top-Unternehmen in Österreich ist keine einzige Frau im Vorstand, in den letzten zehn Jahren ist der Frauenanteil in Geschäftsführungen nur um 2,2 Prozent gestiegen. Ein Armutszeugnis für Österreich.

Apropos gläserne Decke: Die hiesige Politik agiert hier nicht unbedingt als Vorbild. Noch nie gab es in Österreich eine Bundespräsidentin oder Bundeskanzlerin. In der Bundesregierung sitzen nur vier Frauen. Nur jedes fünfte Regierungsmitglied ist weiblich. Eine Frauenquote ist bitter notwendig – in der Privatwirtschaft, in der Politik, in staatlichen Unternehmen.

Mein Körper – meine Entscheidung

Ein weiteres nicht weniger wichtiges Thema ist das Selbstbestimmungsrecht. Wir können uns nicht an Ländern wie Polen orientieren – auch wenn das manche Politiker gerne hätten – und Frauen den Zugang zum Schwangerschaftsabbruch erschweren. Mit einem Verbot wird man Abtreibungen nicht verhindern, sondern Frauen zu Kriminellen machen und ihr Leben gefährden. Fast die Hälfte der Abtreibungen weltweit werden mit unsicheren Methoden durchgeführt, prekär soll die Lage vor allem in den 62 Ländern sein, die Abtreibungen verbieten oder nur dann zulassen, wenn die Frau in Gefahr ist. In liberaleren Ländern – zu denen Österreich zählt – werden neun von zehn Abbrüche nach Standards der Weltgesundheitsorganisation durchgeführt. Wir brauchen bundesweit eine kostenlose und anonyme Beratung zu Verhütungsmitteln, Schwangerschaftstest und rechtlich zulässigen Schwangerschaftsabbrüchen und keine erzkonservativen, völlig veralteten und frauenfeindlichen Ansichten.

Als frauenfeindlich würde ich auch die meisten Werbungen bezeichnen. Da ich selbst in der Medienbranche arbeite, muss ich folgendes loswerden: Die Werbe- und Modewelt, so wie sie jetzt ist, habe ich reichlich satt. Wir müssen aufhören, Frauen zu sexualisieren und Magermodels auf Plakaten abzudrucken. Wir als Gesellschaft sollten uns stattdessen darum bemühen, gegen verzerrte und kranke Schönheitsideale anzukämpfen. Wieso nehmen wir uns kein Beispiel an Frankreich und kennzeichnen in Photoshop bearbeitete Werbebilder? Wieso blicken wir nicht hinter die Kulissen der Fashion-Branche und realisieren, dass dringend etwas verändert werden muss? Wenn Mädchen von Kleinauf suggeriert wird, wie sie auszusehen haben und, dass sie nur dann schön und gesund sind, wenn sie Größe 32 tragen, wie können wir uns dann über Essstörungen und die daraus resultierenden Folgen wundern? Frauenmagazine, Agenturen, Fotografen, Designer und Blogger tragen eine große Verantwortung, der sie derzeit nicht gerecht werden. Es wird Zeit, dass auf höherer Ebene eingegriffen wird.

Stellung beziehen

Ich habe dieses Jahr bewusst sehr viele schwierige Entscheidungen getroffen. Ich habe entschieden, mich gegen Schönheitsideale aufzulehnen. Ich diskutiere in einer männerdominierten Runde über männerdominierte Themen. Ich setze mich für Frauenrechte, Solidarität und Selbstliebe ein. Ich breche Tabus und spreche offen über meine Periode und verstecke Hygiene-Artikel nicht mehr. Ich informiere mich über politische Ereignisse und gebe dieses Wissen weiter. Sei es, wenn ich eine Veranstaltung unseres derzeitigen Bundeskanzlers Christian Kern besuche oder wenn ich live von einer Identitären-Demo berichte. Ich versuche, die Veränderung in der Welt zu sein, die ich ich mir wünsche.

Und das sollte jede/r versuchen. Dabei ist es völlig egal, wo wir beginnen. Hauptsache wir beginnen! Möchtest du eigentlich gar kein Make-Up tragen, tust es aber, weil dich sonst alle fragen, ob du krank seist? Weg mit der Mascara, ignorier das Gerede. Bist du politisch interessiert, traust dich aber nicht mit zu diskutieren? Informiere dich und beziehe laut und deutlich Stellung. Deine Meinung ist genauso viel wert wie die aller anderen. Wir können täglich Entscheidungen treffen, die Großes bewirken können. Wenn ich nicht weiß, was ich zu Abend essen möchte, kann ich mich davor drücken. Aber nicht, wenn es um meine oder besser gesagt unsere Zukunft geht.

Vielleicht habt ihr auf den Straßen Wiens schon das ein oder andere Plakat von entscheidet.at gesehen. Die Initiative ist auf mich zugekommen und hat mir vorgeschlagen, über Entscheidungen zu reflektieren und auf ihre Seite und ihre Petition aufmerksam zu machen. Ich predige ja immer, dass man sich eigenständig über Dinge informieren und kritisch sein muss, so auch in diesem Fall: Geht auf die Seite entscheidet.at und seht euch ihre Inhalte an, sofern es euch interessiert. Bildet euch eine eigene Meinung. Ich halte es für wichtig, dass sich jeder Mensch möglichst viel Wissen aneignet. Von Dingen, die er befürwortet und von Dingen, die er nicht befürwortet. Je mehr die einzelne Person weiß, umso aufgeklärter ist die gesamte Gesellschaft. Denn um etwas gut oder schlecht zu finden, muss ich ausreichend darüber wissen, oder findet ihr nicht?

 

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