So richtig wütend. Wütend auf all jene da draußen, die das gängige Schönheitsideal unterstützen und damit Abertausende von Frauen in Angstzustände, Depressionen und Unzufriedenheit stürzen.

Ich habe im aktuellen biber eine Geschichte über drei junge Frauen geschrieben, die eine Essstörung hatten und sich selbst verletzten. Obwohl ich der Mode- und Medienszene gegenüber schon immer sehr kritisch war, so bin ich nach diesem Artikel und dem Dokumentarfilm „Embrace“ eine noch viel größere Gegnerin des weiterhin sehr präsenten Magerwahns.

Uns Frauen wird von kleinauf eins suggeriert: Du bist nur dann gut genug, wenn du dünn und schön – definiert nach dem gesellschaftlichen Schönheitsideal – bist. Das beginnt schon bei Komplimenten, die man als kleines Mädchen bekommt. Es geht selten um Leistung oder Charaktereigenschaften, viel eher um das Aussehen. Zuckersüßes, wunderschönes Puppengesicht mit symmetrischen Zügen: Ich habe mehr Komplimente für mein Gesicht bekommen, als für mein Können.

Mein ganzes Leben lang bin ich von Frauen umgeben, die unglücklich mit sich selbst sind. Sie finden ihren Körper zu hässlich, schwabbelig oder fett. Ich schließe mich selbst nicht aus, immer wieder mache ich Phasen durch, in denen ich mich schrecklich finde. Frauen stürzen sich von einer Diät in die nächste, hetzen von Kohlsuppen zu Low-Carb-Diäten und werden mit diesem krankhaften Verhalten von keinem Geringeren als der Gesellschaft unterstützt.

Nie wieder

Die Psychotherapeutin Rahel Jahoda meinte in dem biber-Interview über Essstörungen, wie grotesk es ist, dass Medien einerseits über diese psychischen Erkrankungen berichten, andererseits in jeder Frauenzeitung mindestens ein neuer Diättipp präsentiert wird. Zudem werden gephotoshoppte Werbungen in Österreich fatalerweise nicht gekennzeichnet. Seht euch doch einmal um: Überall sind nur magere Models mit perfektem Face zu sehen, die uns Bikinis, Kleider und Taschen verkaufen sollen. Überall lesen wir Beauty- und Abnehmtipps. Uns wird vermittelt, dass wir stetig an unserem Körper arbeiten müssen, dass wir nur dann gut genug sind, wenn wir Größe 32 tragen und wenn wir perfekte Gesichter haben, die perfekt geschminkt sind. Ich habe das alles so satt und ich bin wütend auf mich, dass auch ich Selbstzweifel, hervorgerufen durch das gesellschaftliche Frauenbild, zugelassen habe. Sehe ich in dieser Jeans dick aus? Kann ich dieses Foto posten oder sieht mein Busen zu klein aus? Wird jemand meine Augenringe bemerken? Nie wieder möchte ich mir Fragen wie diese stellen. Nie wieder.

Alle DesignerInnen, Frauenmagazine, FashionfotografInnen, MarketingmanagerInnen, Art DirektorInnen, Modelagenturen und BloggerInnen haben eine Verantwortung, der sie derzeit nicht  gerecht werden. Sie alle sind mitschuld, sie alle tragen dazu bei, dass junge Frauen wie die drei in meinem biber-Artikel hungern und furchtbar unglücklich mit sich selbst sind. Diese drei Mädchen haben ihr eigenes Spiegelbild nicht ertragen. Sie haben aufgehört zu essen, um so auszusehen, wie die Frauen in den Werbungen, die von dieser Branche produziert und veröffentlicht wurden.

Ein kurzer Abstecher in die Trafik oder ein Klick auf die Website der meisten Frauenmagazine reicht und schon wird eins klar: Schönheit ist das A und O. Schönheit, die von der Gesellschaft definiert wird. Stars, die magern, sind bewundernswert. Frisch gebackene Mütter, die in wenigen Wochen ihr Normalgewicht haben, sind Heldinnen. Wir müssen unsere Lachfalten, Schwangerschaftsstreifen und Kurven verstecken, nur so werden wir den gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht.

Wir alle, aber besonders die Werbe- und Modewelt trägt zum Unglück tausender Frauen bei. ich habe Fragen, viele Fragen, die man mir wohl nicht beantworten wird können, die ich an dieser Stelle aber trotzdem stelle möchte.

Liebe (Fashion)-FotografInnen,
wieso müsst ihr selbst bei Testshootings magere Models fotografieren? Zumindest bei Shootings, bei denen der Kunde nicht das letzte Wort hat, weil es keinen Kunden gibt, könntet ihr euch um ein anderes, realistischeres Frauenbild bemühen. Wieso müsst ihr noch mehr Fotos von offensichtlich zu dünnen Frauen in die Welt setzen? Meint ihr, eurer Portfolio wird mit „normalen“, durchschnittlichen Frauen nicht gut genug sein? Spoiler: Auch Frauen, die nicht Größe 32 tragen, sind sehr fotogen, man muss ihnen nur die Möglichkeit geben. Ich kenne die Existenzängste von FotografInnen und weiß vom Druck der Branche, nichtsdestotrotz kann man bei sich selbst und seiner Arbeit beginnen. Ich habe vor längerer Zeit ein Beauty-Shooting fotografiert und musste das Model dicker machen, weil ihre hervorstehenden Knochen zu schlimm waren. Dieses Shooting hängt mir noch immer nach. Wie könnt ihr nur damit leben, ständig so einen ungesunden Lebensstil zu unterstützen?

Liebe Art DirektorInnen und Marketing ManagerInnen,
ihr habt sicher eine ganze Menge drauf, sonst wärt ihr wohl nicht da, wo ihr heute seid. Ihr müsst täglich Überzeugungsarbeit leisten, Ideen pitchen, neue Trends erkennen, aber auch setzen. Wieso versucht ihr die Werbewelt nicht von Inneren heraus zu verändern? Wieso unterstützt ihr FotografInnen nicht, die ein Portfolio haben, welches die Gesellschaft so widerspiegelt, wie sie wirklich ist? Wieso macht ihr KundInnen nicht klar, dass es nicht immer dürre Frauen sein müssen, die ihr Produkt oder ihre Dienstleistung vermarkten? Glaubt ihr etwa, ihr seid dieser Aufgabe nicht gewachsen? Einen Versuch wäre es wert, oder etwa nicht?

Liebe Modelagenturen,
hört verdammt noch einmal auf, Models, die ohnehin schon dünn sind, zu sagen, dass sie zu dick sind. Wie könnt ihr nachts überhaupt schlafen, wenn ihr einem Mädchen mit Größe 34  zu verstehen gebt, dass sie abnehmen muss, weil sie ihre Karriere sonst an den Nagel hängen kann?
Und liebe DesignerInnen, kreiert doch bitte Kleidung, die uns glücklich macht, die uns passt, in die wir uns nicht zwängen müssen. Wieso wagt ihr diesen Schritt nicht? Wieso wollt ihr nicht innovativ, nein, viel eher, revolutionär sein? Was hindert euch daran?

Liebe Frauenmagazine,
wieso tragt ihr maßgeblich dazu bei, dass völlig veraltete Schönheitsideale weiterhin bestehen bleiben? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass all eure RedakteurInnen diese Abnehmtrends und Schminktipps so klasse finden. Wisst ihr nicht, welche Verantwortung ihr als Medium habt? Ihr repräsentiert uns Frauen und derzeit macht ihr das ziemlich schäbig, wenn ich ehrlich sein darf. Warum muss in jeder Ausgabe eine Diät präsentiert werden? Aus welchem Grund wählt ihr immer dünne Frauen aus, wenn ihr Fashion-Editorials schießen lasst? Habt nicht gerade ihr als Plattform die Macht, Vielfalt in die Modewelt zu bringen? Und es geht hier nicht darum, ein Mal im Jahr ein Plus-Size-Shooting auf die Beine zu stellen. Überhaupt: Wenn Frauen „Plus-Size-Models“ sind, suggeriert das irgendwie, dass sie etwas Exotisches, Untypisches sind und die Dünnen, die sind die Norm, so sollte man eigentlich sein. Diese Message ist aber auch falsch. Und ja: Ich weiß. Die Medienwelt verändert sich, Inserate sind nötig, um Magazine am Leben zu erhalten, der Kunde ist König. Aber es ist an der Zeit, einen anderen Umgang mit den Themen Aussehen zu finden – gerade als Medium. Das wisst ihr in Wirklichkeit doch auch selber, nicht wahr?

Liebe BloggerInnen,
nein, ihr macht die Welt mit euren pseudo-authentischen Blogbeiträgen auch nicht besser. Ihr verkauft eure Seelen für Detox-Tees und billig produzierte Sportschuhe, quält euch durch Saftkuren und verkrampft euch auf Beauty, Fashion und Fitness-Beiträge. Ich weiß, das sind Themen, die die meiste Kohle bringen. Was glaubt ihr, was ihr mit euren „cleaneating“-Trends und wannabe Fitnessgoals erreicht? Habt ihr euch schon einmal Pro Ana-Foren angesehen, auf denen Fotos von euch in der Kategorie „thinspiration“ zu finden sind? Wie viele wirklich erfolgreiche Bloggerinnen gibt es, die sich aktiv für Body Positivity einsetzen? Selbst falls ihr tatsächlich versucht, einen gesunden Lifestyle anzustreben, ihr tut nichts weiter, als das völlig verzerrte gesellschaftliche Bild weiter zu unterstützen. Ihr seid die neuen Models, ihr seid die „normalen Mädchen von nebenan“ – ihr habt eine verdammt große Verantwortung, denn eure Zielgruppe sind zum Teil sehr, sehr junge Frauen. Dessen müsst ihr euch endlich bewusst werden. Body Positivity ist nicht irgendeine dumme Idee von frustrierten, dicken Femi-Nazis, die einfach zu faul zum Abnehmen sind. Das ist eine Bewegung, die wir alle – ihr auch – ganz bitter notwendig haben.

Ich möchte kein Bashing gegen Models bzw. dünne Frauen starten, ganz im Gegenteil. Sie sind Teil unserer Gesellschaft und genauso viel wert wie jeder andere Frau. Aber wenn ich höre, dass junge Models Wattepads in Energydrinks tränken und diese dann schlucken, um keinen Hunger zu verspüren, wird mir schlecht, richtig schlecht. Den Traumberuf Model soll es von mir aus weiterhin geben, aber ohne diesen furchtbaren Druck, immer dünner werden zu müssen und ohne Casting-Shows wie „Germany’s Next Topmodel“, die genauso gut vom Teufel himself erfunden sein könnten. Ich kenne einige erfolgreiche Wiener Models, die sich durchs Modeln ihr Studium finanzieren und daran gibt es nichts auszusetzen. Aber es muss endlich aufhören, dass uns allen vermittelt wird, dass wir uns ein Beispiel am Catwalk nehmen müssen. Wann hört dieser Hype endlich auf?

Es braucht jemanden, der Missstände aufzeigt und anderen die Augen öffnet. Diese Rolle übernehme ich sehr gerne, auch wenn es bedeutet, dass ich mich unbeliebt mache. Ich möchte die Fashion- und Werbebranche nicht unterstützen, nicht so, nicht auf diese Art und Weise – auch ich bin nicht perfekt, aber zumindest versuche ich mein Bestes. Wir alle müssen die Veränderung sein, die wir gerne sehen würden. Auch du.