Es ist wieder Zeit für einen Beitrag über die immerwährende Identitätsfrage. Heute ein Auszug aus der bitteren Erkenntnis, dass ich immer Ausländerin bleiben werde – egal ob in Österreich oder Bosnien-Herzegowina (BiH).

Ich bin mir sehr sicher, dass jeder Mensch mit Migrationshintergrund eine ähnliche Erfahrung wie ich gemacht hat. Während ich in Österreich der Tschusch, der Jugo oder die Ausländerin bin, wird mir in BiH für immer der Diaspora-Stempel aufkleben. Ich bin dort die mit einem leichten Leben. Und soll ich euch etwas sagen? Die Leute haben Recht. Denn im Vergleich zu ihren Problemen wirken meine wie kaum nennenswerte. Meine Grundbedürfnisse sind gestillt: Ich habe warmes Wasser, kann mich weiterbilden, lebe in einem Staat, der mich auffangen würde, sei es bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Ich kann meinem Traumberuf nachgehen, die Welt bereisen und mich auf gesellschaftliche Probleme konzentrieren und versuchen, etwas gegen diese zu tun. Natürlich ist die Lage in städtischen und ländlichen Gegenden Bosniens unterschiedlich. Nur als kleines Beispiel: In dem Dorf, in dem meine Mutter geboren wurde, gibt es weiterhin nur alle paar Tage Wasser. Bis vor ein paar Jahren war es der Gemeinde kaum möglich, eine stabile und langfristige Internetverbindung aufzubauen. Sarajevo dagegen kann in vielen Punkten mit anderen europäischen Städten mithalten, vor allem der Coolness-Faktor ist hoch.

Laut dem Auswärtigen Amt in Deutschland ist die Lage am Arbeitsmarkt in BiH besonders für Jugendliche problematisch: Die Jugendarbeitslosigkeit erreicht einen Tiefstand von 60 Prozent, eine Besserung ist derzeit nicht in Sicht. Deswegen ziehen viele junge Menschen ins Ausland. Die Durchschnittslöhne liegen weiterhin am unteren Ende im europäischen Vergleich, 2015 waren es etwa 430 Euro monatlich. So viel Geld habe ich mit 19 mit meinem Samstagsjob verdient.

Ich verstehe also, warum ich belächelt werde, wenn ich von meinen Problemen und Ängsten erzähle. Vor allem als ich mein Praktikum bei einer Tageszeitung in Sarajevo absolviert habe, ist mir das oft passiert. Ich kann mich noch gut an den Blick meiner Kolleginnen erinnern, als ich beschrieben habe, wie hart die österreichische Medienbranche manchmal ist. Klar: Im Vergleich zur bosnischen Situation scheint alles ein Klacks zu sein. Alle haben sich gewundert, wieso ich als „Österreicherin“ nach Sarajevo komme, um Arbeitserfahrung zu sammeln.

Trotzdem verletzt es mich, wenn mir meine bosnischen „Landsleute“ einerseits das Gefühl geben, ich hätte keinerlei Recht, manchmal unsicher zu sein, Sorge zu haben und das Leben für unfair zu empfinden. Aber vor allem die Tatsache, dass ich für sie die kleine Svabica bin, hat mich als Kind oft gekränkt und mich verwirrt. Svabo ist übrigens ein umgangssprachlicher, meist abwertend gemeinter  Begriff für alle Deutschsprachigen. Das sollte zumindest jeder wissen, der in Wien wohnt und Ottakring schon einmal besucht hat.

So ist das also, das Leben eines Migrantenkindes. In Österreich bin ich der Jugo, in BiH der Svabo. Jeder kennts. Nein, es ist nichts Neues und bleibt weiterhin ein Problem. Denn vor allem für Menschen, die sich nicht so wie ich eine eigene Identität schaffen, ist diese Situation schwierig. Dann versucht man krankhaft irgendwo dazuzugehören und entscheidet sich womöglich für den falschen Weg. Ich kenne viele, die in ihrer Jugend ähnliche Identitätskonflikte wie ich hatten und dann im Nationalismus gelandet sind. Der ist am Balkan und auch bei der balkanesischen Diaspora teilweise noch stark vertreten. Das hat natürlich auch mit dem Umfeld und dem Elternhaus zu tun, aber wenn man von Österreichern ständig zu hören bekommt, man sei nur der dumme Ausländer, sucht und findet man schnell mal Trost in einer völlig übertriebenen Liebe zum Heimatland der Eltern – auch wenn man es selbst vielleicht zwei Mal im Jahr besucht. Hier kann ich nur wieder aus Erfahrung sprechen: Die Grenze zwischen Patriotismus und Nationalismus ist schwammig. Nicht alle Patrioten sind Nationalisten, aber alle Nationalisten sind Patrioten.

Auch umgekehrt ist die Entscheidung, seine Muttersprache nicht mehr zu sprechen und seine Kultur hinter sich zu lassen, die falsche. Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn viele Migrantinnen kennengelernt, die kaum ihrer Muttersprache mächtig waren. Damit stirbt nicht nur ein Teil ihrer Wurzeln, auch ihre Kinder werden nie von Mehrsprachigkeit und einer interkulturellen Erziehung profitieren können. Das finde ich irrsinnig schade.

Ich für mich bin mittlerweile im Einklang mit meinem Zugehörigkeitsgefühl. Weil ich nicht wusste, wo ich dazugehöre, habe ich mir einfach meine eigene Identität erschaffen, die ich spaßhalber Jugo-Wienerin nenne. Trifft das auch auf euch zu, könnt ihr diesen Begriff gerne benutzen oder gegebenfalls adaptieren. Und ja, das ist mit einem Augenzwinkern zu lesen. Obwohl die Thematik eine ernste ist, so muss man sich doch nicht zu sehr darin verbeißen. Während ich als Kind oft mit den negativen Auswirkungen der Migrationsgeschichte meiner Eltern konfrontiert wurde, weiß ich heute, wie viele Vorteile es hat, ein Migrantenkind zu sein. Keine meiner Erfahrungen möchte ich missen, immerhin haben sie mich zu dem gemacht, was ich heute bin.