Liebes Zukunfts-Ich,

es erscheint dir womöglich komisch, dass ich einen Brief an mich selbst in die Zukunft verfasse. Ich gebe zu, es ist wirklich unüblich. Jetzt gerade weiß ich aber nicht, an wen ich mich wenden soll. Ich hoffe, diese Zeilen spenden mir Trost und hoffentlich ist die Welt zu deiner Zeit eine bessere.

Ich lebe im Jahr 2016 und um ehrlich zu sein, war es ein beschissenes Jahr. Ich glaube, nein, ich bin mir sicher, dass ich mich noch nie so viel geärgert und gesorgt habe wie 2016. Im Moment fällt es mir schwer, meine sonst so positive Einstellung beizubehalten. Deswegen blicke ich lieber in die Zukunft und denke an deine Gegenwart.

Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich mich bei meinen Liebsten tröste, denn die politische und gesellschaftliche Lage beunruhigt mich. Ich möchte aber keinen Trost suchen müssen, ich möchte, dass die Welt okay ist. Ich wende mich letztendlich an dich, weil mir eine diese Woche veröffentlichte Studie über häusliche und sexuelle Gewalt den Rest gegeben hat. Das Ergebnis ist erschreckend und hinterlässt viele Fragen, die mir niemand beantworten wird können und die ich doch so vielen ins Gesicht schreien möchte. Die Wissenschaflter dieser Studie haben den insgesamt 27.818 Befragten unter anderem folgende Frage gestellt: Sind Frauen an Vergewaltigungen selbst schuld? Die Antwort jedes vierten Europäers: Ja, unter bestimmten Umständen schon. Bitte, das muss ich an dieser Stelle festhalten. Jeder vierte Europäer ist dieser Meinung. Unsere ach so moderne Gesellschaft zeigt einmal mehr, mit welch völlig deplatzierten Arroganz wir uns als modern bezeichnen.

Wenn eine Frau beispielsweise zu sexy gekleidet ist oder einen Mann freiwillig mit nach Hause nimmt, finden zehn bzw. elf Prozent, dass die Vergewaltigung gerechtfertigt sein kann. Andere Gründe sind: Wenn die betroffene Person betrunken ist oder Drogen konsumiert hat oder nicht klar und deutlich nein gesagt oder sich deutlich gewehrt hat. Wenn man die Ergebnisse zusammenfasst, kommt dabei raus, dass 27 Prozent der befragten Europäer gewisse Vergewaltigungsszenen für gerechtfertigt empfinden. Und hier noch eine weitere erschreckende Zahl: 55 Prozent der Frauen in Europa geben laut EU-Kommission an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein.

Du kannst wohl erahnen, wie ich mich wegen all dieser Informationen fühle. Europa alleine ist aber nicht das Problem. Man blicke nur kurz in die Vereinigten Staaten: Dort sitzt bald ein rassistischer und narzisstischer Sexist im Weißen Haus. Wir haben es für unmöglich gehalten und wurden eines Besseren belehrt. Hoffen wir, dass Trump in deiner Zeit schon längst Vergangenheit ist.

Aber auch das Land, das ich von Geburt an als Heimatland bezeichne, macht mir Angst. In Österreich wurden 2015 17.000 Frauen in Gewaltschutzzentren und der Interventionsstelle gegen familiäre Gewalt betreut. Dass die Dunkelziffer höher ist, versteht sich. Körperliche und/oder sexuelle Gewalt hat jede fünfte Frau in Österreich durchgemacht. Ich sitze in einem Café, während ich diese Zeilen schreibe. Um mich herum befinden sich etliche Frauen. Ich frage mich, welche von ihnen wohl schon mit Gewalt konfrontiert wurde und muss diesen verstörenden Gedanken schnell von mir schütteln.

Die Wahrheit ist, dass der Weg zur Gleichstellung von Männern und Frauen ein zäher, kräfteraubender und frustrierender ist. Ich habe mich oft gefragt, warum ich mich gerade mit diesem Thema beschäftige. Es wird wohl dieser große Wunsch nach Gerechtigkeit sein. Das Grauen nimmt aber kein Ende: Laut dem diesjährigen Gleichstellungsbericht des Weltwirtschaftsforums rutschte Österreich um 15 Plätze auf Rang 54 ab. Wenn wir uns weiterhin in diesem Tempo bewegen, wird es noch 170 Jahre dauern, bis Frauen und Männer die gleichen Chancen haben. Das bedeutet, dass erst meine Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Enkelin gleichberechtigt sein wird. Ist das nicht ein furchtbarer, furchtbarer Gedanke?

Um die ganze Situation auf eine noch schlimmere Ebene zu heben, strahlt der marokkanische Staatssender M2 eine Sendung aus, in der eine Make-Up-Expertin Frauen Tipps gibt ,wie sie Verletzungen im Gesicht wegschminken können. So können sie – laut M2 – ohne Scham auf die Straße gehen und so tun, als sei nichts gewesen. Das Programm lieft ausgerechnet am Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen. Unfassbar, oder?

Ich möchte all diese Fakten gar nicht in meinen Laptop tippen. Viel lieber wäre es mir, wenn ich über die schönen Dinge des Lebens schreiben könnte. Ich möchte nicht über diese Misslage nachdenken, ich möchte sie nicht zum Thema machen und gleichzeitig empfinde ich es als Verpflichtung, all das niederzuschreiben. Mögen wir uns all diese Probleme täglich vor Augen führen. Die Wahrheit ist, dass es auch im Jahr 2016 so viele Stimmen da draußen gibt, die nicht verstehen, wie problematisch die Lage ist. So viele verdrehen die Augen, wenn sie das Wort Feminismus auch nur hören. Das macht mich traurig und wütend.

Ich hoffe, liebes Zukunfts-Ich, dass du meine Sorgen nicht teilst. Ich hoffe, in zwanzig Jahren musst du dich nicht fragen, ob du den gleichen Lohn wie dein männlicher Kollege bei gleichen Kompetenzen erhalten wirst. Ich hoffe, Gewalt an Frauen nimmt ab und verschwindet irgendwann von der Bildfläche. Ich wünsche mir, dass wir Menschen endlich das nötige Bewusstsein entwickeln und all diese Probleme an der Wurzel packen können.

Alles Liebe,
Ich