Der österreichische Film „L’Animale“ veranschaulicht, vor welchen Schwierigkeiten Menschen stehen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Regisseurin und Drehbuchautorin Katharina Mückenstein und Hauptdarstellerin Sophie Stockinger im Interview über Frauenfiguren in der Filmbranche, wieso es gut ist, wenn Menschen zweifeln und warum Filme politisch relevant sein sollten:

Die Figuren in L’Animale kämpfen mit einem Gefühl der Unfreiheit und der Sehnsucht nach einer Wahrhaftigkeit. Was waren eure Beweggründe für den Film?
Katharina:
Ich habe mit L’Animale versucht, Persönliches und Politisches vereinen. Wir als Gesellschaft müssen uns geschlechtspolitisch weiterentwickeln. Menschen sollen sich ermutigt fühlen, von vorgefertigten Meinungen loszulassen, Erwartungen von außen nicht an sich heranzulassen bzw. diese Erwartungen zu hinterfragen.

Sophie: Filme wie L’Animale können Veränderung bringen und es war für mich als Schauspielerin etwas Besonderes, da mitwirken zu dürfen. Es ist so wichtig, traditionelle Geschlechterrollen aufzubrechen und Mati als Hauptfigur gibt den Struggle, den viele junge Menschen haben, gut wieder.

Meinst du als 20-Jährige, dass L’Animale etwas bei Jugendlichen auslösen kann?
Sophie:
Definitiv. Wenn man mit der Schule fertig ist, geht man hinaus in die Welt und fühlt sich klug. Die Wahrheit ist aber: Jetzt geht es erst richtig los. Das eigene soziale Umfeld zu zerlegen, sich mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinanderzusetzen, vorgelebte Konstrukte zu hinterfragen: Dabei hilft L’Animale.

 

Wie stehst du zur österreichischen Filmbranche in Bezug auf Frauen?
Katharina:
Frauen sind, wenn es um Macht und Geld geht, in jeder Branche unterrepräsentiert. Das ist im Film nicht anders. Seit ich Film studiert habe, musste ich mich immer mehr beweisen – handwerklich und künstlerisch. Ich habe beobachtet, dass Männer für ihr Potential gefördert werden. Frauen werden erst dann unterstützt, wenn sie schon etwas nachzuweisen haben. Außerdem ist mir aufgefallen, dass es bei Interview oft darum geht, wie ich mich als weibliche Regisseurin anstelle. Das ist mühsam, es sollte viel eher um meine Arbeit und Leistung gehen, weniger um mein Geschlecht.

„Brenne und ergib dich nicht, zweifle, aber hab keine Angst“

Mit welcher Herausforderung hast du als Schauspielerin besonders zu kämpfen?
Sophie:
Ich bin oft im Zwiespalt, handle ich so, weil ich es wirklich will oder um dem Regisseur zu gefallen? Ich stoße immer wieder an meine Grenzen, wenn es um die Eigenständigkeit meiner Person geht. Wer bin ich und wer ist die Rolle?

„Man soll im Kinosaal zum Denken angeregt werden, Filmschaffende agieren auch als politische Instanz“

„L’Animale ist ein Film über das gesellschaftliche Korsett, in dem wir leben und die Frage, ob und wie wir uns befreien können“ schreibst du in deinem Regiestatement.
Katharina:
Ja, wir leben in einer Zeit, in der das kapitalistische Credo ist: Du musst immer wissen, was du willst – privat und beruflich. Der Druck, immer fehlerfrei zu sein, ist sehr problematisch. Deswegen war es mir wichtig, Figuren zu schreiben, die zweifeln. Zweifel sind gut, weil man Dinge hinterfragt. Wichtig ist es, die miteinhergehende Angst zu überwinden und mutig genug zu sein, Neues zu wagen. Deswegen ist auch der Spruch im Film so wichtig: „Brenne und ergib dich nicht, zweifle, aber hab keine Angst“.

Serien und Filme vermitteln ein weiterhin sehr klischeehaftes und falsches Frauenbild. Wie stehst du als Schauspielerin dazu?
Sophie:
Ich setze mich stark damit  auseinander. Wie wird welche Rolle an wen vergeben? Wie spiele ich diese Figur, welches Frauenbild gebe ich mit meiner Schauspielerei weiter? Kann ich als fortschrittliche Frau eine Rolle spielen, die sexistisch ist? Einerseits geht es natürlich um meine Karriere, aber auch darum, welchen gesellschaftlichen Beitrag ich leiste. Deswegen war mir Mati als Hauptfigur auch so wichtig, weil sie ein Frauentyp ist, der sonst kaum zu sehen ist.

 Wie schwierig ist es, gesellschaftskritische Filme zu produzieren, die nicht Mainstream sind?
Katharina:
Die Filmindustrie steht im Wendepunkt. Es ist außergewöhnlich, dass Streaminganbieter progressiver sind als zum Beispiel das Arthaus. Filme sind eine kulturelle und  politische Bewegung. Man soll im Kinosaal zum Denken angeregt werden, Filmschaffende agieren auch als politische Instanz. Wenn es immer nur ums Verkaufen geht, wird wichtige Kunst ausgelöscht. Dieser allgegenwärtige ökonomische Druck ist schwierig. Die erste Frage bei Gesprächen zu einem Drehbuch ist: „Wird sich das verkaufen?“ ist und nicht: „Ist das politisch relevant?“

Sophie: Außerdem man unterschätzt Zuseher*innen und bevormundet sie. Wenn solche Filme nicht gemacht werden, gibt man ihnen ja nicht einmal die Möglichkeit, ihn sich anzusehen. Geben wir ihnen doch die Chance, Teil der Veränderung zu sein, die gesellschaftskritische Filme auslösen können.


Ab 16. März 2018 ist L’Animale in österreichischen Kinos zu sehen. Am 15. März findet die Premiere in Wien statt, hier gibt es alle weiteren Infos zu Kinos und Terminen.

// Bezahlte Kooperation mit L’Animale //