Meine Eltern sind ohne einen Groschen nach Österreich gekommen. Kein Geld, keine Zukunftsperspektive, keine Deutschkenntnisse. Mama war 17 und hat jahrelang Teller abgewaschen. Papa war 22 Jahre alt und hat die ersten Monate mit anderen Gastarbeitern auf engstem Raum in menschenunwürdigen Baracken gelebt. Beide stammen aus armen Verhältnissen, beide wollten eigentlich wieder zurück nach Jugoslawien. Trotzdem haben sie es geschafft. Sie haben Deutsch erlernt – ohne die Hilfe von Kursen, dafür blieb keine Zeit. Sie haben nicht nur sich, sondern auch uns, ihren Kindern, ein Leben ermöglicht. Ein Leben, das gezeichnet ist durch Leichtigkeit und dem Gefühl, alles erreichen zu können. Obwohl ich selbst in Österreich geboren und aufgewachsen bin, wurde ich oft mit Diskriminierung konfrontiert. Unabhängig davon würde ich aber nicht behaupten, dass ich weniger Chancen hatte als meine österreichischen Mitmenschen. Mein Weg war manchmal nur etwas schwieriger, ich musste mich mehr ins Zeug legen. Die Herausforderungen, mit denen meine Eltern zu kämpfen hatten, waren weitaus schlimmer und härter zu bewältigen.

Ich weiß, dass wir nie überdurchschnittlich viel Geld hatten, als ich ein Kind war, auch wenn das niemals ausgesprochen wurde. Ich konnte jeder schulischen Aktivität nachgehen, hatte alles, was ich gebraucht habe und konnte ein ausgelassenes, fröhliches Leben am Land führen. Immer präsent war das Wissen, dass meine Eltern sehr viel arbeiten müssen. Papa hat oft zwei Schichten nacheinander gearbeitet, Mama war Vollzeit in einer Fabrik angestellt, den Haushalt und die Sorge um vier Kinder hat sie nebenher geschmissen. Als ich sechs Jahre alt war, haben sie ein Wirtshaus übernommen, von da an habe ich die Gastronomie und all ihre Tücken hautnah miterlebt. Ein paar Jahre darauf übernahmen sie ein weiteres Café. Ihr Fleiß hat mir zwei wichtige Lektionen mit auf den Weg gegeben. Erstens: Willst du erfolgreich sein, musst du viel arbeiten, denn nur die wenigsten bekommen etwas in den Schoß gelegt. Zweitens: Du kannst machen, was auch immer du möchtest, aber du musst immer 100 Prozent geben.

Foto: Marie Bleyer

Ich werde oft gefragt, wie ich all die Tätigkeiten, denen ich nachgehe, hinbekomme und ob ich überhaupt schlafe. Mir war bis vor ein paar Monaten nicht klar, dass ich in den Augen mancher sehr viel arbeite. Ich habe wohl ein anderes Verständnis von Arbeit. Wenn ich Beiträge von Bloggern lese, in denen sie jammern, wie viel sie nicht zu tun haben und, dass sie heute Abend nicht nur ein, nein gleich zwei Events besuchen „müssen“, werde ich wütend. Ich muss dann automatisch an meine Eltern denken, die kein einziges Mal darüber geklagt haben, dass „ihnen alles zu viel wird.“

Neben der unbeschwerten Kindheit und dem Bewusstsein, was harte Arbeit bedeutet, gibt es noch eine Sache, die mich immer begleitet hat: Der Druck, etwas aus meinem Leben zu machen. Das hat nichts mit meinen Eltern zu tun, die haben mich nie gestresst. Ihre einzige Forderung war, dass ich gut in der Schule bin und mir möglichst viel Wissen aneigne. Es ist der Druck, den ich mir selbst geschaffen habe. Wenn Mama und Papa so viel erreicht und ihr Leben lang geackert haben, muss ich etwas aus mir machen. Ich muss Großes bewirken, die Welt ein Stückchen besser machen, viel arbeiten und nie aufgeben. Damit ich ihrer Mühe gerecht werde, damit ich ihnen gerecht werde. Ich hatte es so viel leichter als meine Eltern, deswegen muss ich noch mehr versuchen zu erreichen.

Dadurch, dass ich in einer Welt aufgewachsen bin, in der alle viel arbeiten, ist es für mich nichts Außergewöhnliches, dass ich viel mache und auch am Wochenende Fotos retuschiere oder Bewerbungen durchgehe. Ich arbeite, seit ich 15 bin. Ich habe früh gelernt, was es bedeutet, für sein Geld arbeiten zu müssen. Dabei habe ich schnell kapiert, dass der Umgang mit Geld manchen vorenthalten bleibt. Das hat sich auch mit dem Alter nicht verändert. Ich kann noch immer nicht nachvollziehen, wie jemand „nur“ studieren kann. Ich möchte wirklich niemanden angreifen, aber ich könnte nicht damit leben, bis 30 zu studieren und mein WG-Zimmer von meinen Eltern finanzieren zu lassen. Mir fallen auf Anhieb ziemlich viele ein, die einfach nur chillen, mit Mitte 20 höchstens samstags aushelfen oder im Sommer einen Monat lang arbeiten. Diese Arbeitsmoral hatte ich mit 15.

Ich glaube, ich habe meine Eltern nie wissen lassen, wie sehr mich ihr Fleiß geprägt hat. Es klingt auch irgendwie wie ein Vorwurf, oder? Als müsse ich mit ihnen konkurrieren. So ist es aber nicht. Ich bin nur furchtbar dankbar, dass sie mir all diese Chancen ermöglicht haben. Ich verdiene Geld mit dem, was ich liebe. All das habe ich der harten Arbeit meiner Eltern zu verdanken. Denn hätten sie mir nicht ihren Fleiß mitgegeben, wäre ich nicht da, wo ich heute bin.

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