Der Name Clinton hat am Balkan eine negative Konnotation: Das scheinheilige Dayton-Abkommen und die Bomben ’99 über Kosovo. Umso glücklicher scheint so manch ein Ex-YU-Migrant über den Sieg von Donald Trump zu sein.

„Ich weiß nicht, wo du dich 1999 herumgetrieben hast, aber ich kann mich an die Sirenen noch immer erinnern.“ Tag der US-Wahl, Trump löst Barack Obama offiziell ab. Meine sozialen Netzwerke gehen über mit schockierten Reaktion über seinen Sieg. Auch ich poste ein Video auf Facebook und prompt bekomme ich das oben angeführte Kommentar als Antwort auf meinen Post. Auf Instagram ist es ähnlich: Ich verfasse einen Beitrag, in dem ich meine Erschütterung in Worte fasse. Keine Stunde später schreibt ein junger Mann unter meinem Foto: „Hillary ist das Böse in Person, sie hat blutverschmierte Hände – im Gegensatz zu Trumps Händen. (…)“

Beide Trump-Befürworter haben serbische Wurzeln. Beide reagieren auf meine Erschütterung mit keinerlei Verständnis. Bald entdecke ich eine weitere Clinton-Gegnerin. Die kroatisch-bosnische Facebook-Userin schimpft Clinton als Baby-Mörderin und wirft ihr vor, sie stehe für Menschenhandel, Korruption, Krieg und Abtreibung. Ein anderer Migrant mit EX-Yu-Background gibt mir zu verstehen, dass er Trump trotz mancher Aussagen, die „vielleicht ein bisschen überzogen waren“, sofort wählen würde.  Zu meiner Enttäuschung über Trumps Sieg nistet sich ein weiteres Gefühl ein: Das der Ratlosigkeit. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass in meinem ex-jugoslawischen Umfeld so viele Trump-Unterstützer zu finden sind. Schon klar, weit hergeholt ist die Wut gegen Hillary Clinton nicht. Der Balkan und sie haben eine komplizierte Vorgeschichte, das bestätigt mir auch der Politologe und Balkan-Experte Vedran Dzihić. „Man hat auch weiterhin sehr schlechte Erinnerungen an die Clinton-Family wegen der NATO-Bombenangriffe auf Serbien im Jahr 1999 und der Nähe der Clintons zu den albanischen Kosovaren“, so Dzihić.

Starke Männer

Pauschalisieren sollte man trotzdem nicht: „Wir haben kein präzisen Statistiken über die Präferenzen der Ex-Jugoslawen zu den USA-Wahlen. Ich würde intuitiv sagen, dass es da so wie in der gesamtösterreichischen Population nicht nur Clinton-Gegner und Trump-Unterstützer gibt“, erklärt Dzihić. So weit, so gut. Man kann natürlich nicht davon ausgehen, dass alle Ex-Jugoslawen Trump unterstützen. Ich erzähle ihm von meinen Erlebnissen und dass jeder Trump-Fan, mit dem ich diskutiert habe, Wurzeln in Ex-YU hat. Das hat vielleicht damit zu tun, dass das Herkunftsland meiner Eltern Bosnien-Herzegowina ist und mein Nachname somit mit -ić endet, ich erreiche mit meinen Beiträgen aber nicht nur Ex-YU-Migranten.

„Es ist wahr, dass beispielsweise in Serbien in der letzten Zeit hohe Sympathiewerte für starke Männer vorhanden sind. Putin ist z.B. in Serbien sehr populär, weil er starke Autorität darstellt. Trump fällt auch in diese Kategorie. Putin und Trump scheinen aneinander zu mögen, das mögen viele in Serbien derzeit intuitiv“, so Dzihić. Was mir sehr schnell auffällt: Alle Trump-Unterstützer pflegen eine ähnliche Diskussionskultur. Gefühlsgeladene Kommentare, Wut und Frust, wenig Fakten, Angriffe auf persönlicher Ebene. Sie handeln auf sozialen Plattformen ähnlich wie Trump während seines Wahlkampfes. Sie äußern sich reißerisch und meinen einfache Antworten auf komplexe Fragen gefunden zu haben. Ich erkundige mich bei Dzihić, wie man Trump-Wählern klar machen könnte, dass er in Wahrheit unwählbar ist: „Differenzierung ist wichtig, wenn aber die Wut im Bauch zu stark ist, wird diese auch nicht helfen. So gehe ich davon aus, dass man einen Teil der Trump-Unterstützer mit keinem einzigen Mittel überzeugen kann, dass Trump eben für die Demokratie in den USA und auch in Europa indirekt nichts Gutes verheißt.“

Wut und Zorn

Man muss trotzdem versuchen, Fakten in der ganzen Breite darzustellen, zu differenzieren, den Dialog zu suchen und aufzuzeigen, dass die Schwarz-Weiss-Polarisierung von Trump keine positive Politik verspricht. Denn bei jenen, die hier in Österreich leben und mit Trump sympathisieren, kann man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sie Hofer wählen werden. „Insgesamt gelingt es Hofer, Strache und der FPÖ, immer stärker in der serbischen Bevölkerungsgruppe in Österreich zu punkten. Da ist einfach ein autoritärer Zug in der Politik vorhanden, der einfache Lösungen verspricht und diesen wird zunehmend auch in den MigrantInnen-Kreisen Glauben geschenkt.“ Dass die FPÖ-Politik mit Sicherheit negative Auswirkungen auf diese Menschen haben würde, wird hier nicht realisiert. „Es geht noch paradoxer, auch bei Trump haben unerwartet viele Migrantinnen aus der Hispanics/Latino-Gruppe, die von Trump wüst und rassistisch beschimpft wurden, für Trump gewählt.“ Die Wutpolitik aus dem Bauch heraus macht solche Entscheidungen möglich.

„Viel Reflexion und tieferes Nachdenken findet nicht statt – man reagiert emotional, man hat einen Politiker einfach aus dem Bauch heraus gerne oder eben nicht gerne, jenseits der Fakten und der Politik, die sie vertreten“, erklärt der Politologe. „Man beschreibt dies auch als post-faktische Politik, wo Empfindungen, Emotionen, Wut, Zorn oder Ärger Motive für Wahlentscheidungen sind, ohne dass wirklich Fakten zählen.“ Das hat Trump für sich genutzt und seine Wahlkampagne ganz nach dem Motto „wahr ist, was ich sage“ aufgebaut. Mit Erfolg.

Die Sache ist die: Social Media hat so viel Macht. Wir fühlen uns sicher, während wir wütend in unser Handy tippen. Wir äußern uns unhöflich und beleidigend zu Meinungen anderer. Aber wer ist wir? Wer mein Verhalten auf Plattformen wie Facebook und Instagram verfolgt hat, der wird merken, dass ich mich immer um einen konstruktiven, respektvollen Umgang bemühe. Nicht jeder ist meiner Meinung und ich behaupte nicht, dass meine die einzig wahre und richtige ist. Aber und jetzt kommt das große Aber: Ich werde andere Ansichten akzeptieren, so lange sie andere Menschen und Minderheiten nicht diskriminieren oder beleidigen. Ist Homophobie eine Einstellung, die ich akzeptieren muss, „weil jeder Recht auf seine Meinung hat“? Nein. Wie sieht es mit Mysogenie und Rassismus aus? Auch nicht.

Ich selbst denke auch nicht, dass Hillary Clinton die beste Kandidatin war, ich hätte mich sehr über Bernie Sanders gefreut, aber für ihn waren die USA offensichtlich noch nicht bereit. Hat Clinton in der Vergangenheit Fehler begangen: Ja. Ist sie so manch einem unsympathisch: Ja. War die Bombardierung 1999 tragisch für die serbische Zivilbevölkerung: Absolut. Aber das bedeutet nicht, dass Trump die richtige Entscheidung ist. Das bedeutet nicht, dass man seine Hetze und seine Lügen akzeptieren kann. Das bedeutet nicht, dass man sein wiederholtes Fehlverhalten hinnehmen kann. In die Vergangenheit zu blicken ist wichtig, denn die Geschichte prägt uns. Viel wichtiger ist es aber, den Blick nach vorne zu richten. Und auch wenn es schmerzhaft klingt, so bringt es doch nichts, ewig in der Opferrolle zu verharren.

Der neue US-Präsident ist ein Sexist, Rassist und Narzisst. Er kritisiert das Establishment, ist aber Teil davon. Seine Aussage „Grab her by the pussy“ hat gezeigt, was er von Frauenrechten hält. Frauen, die abtreiben, sollten seiner Ansicht irgendwie bestraft werden. Alle Mexikaner sind Vergewaltiger. Er hat klar gemacht, dass muslimische Einwohner in seinen USA nicht willkommen sind. Lehrer berichten, dass er Bullies inspiriert. Er beleidigt Frauen öffentlich, hält Klimawandel für Humbug.

Im Internet ist es immer der einfachste Weg, die Sichtweise anderer als lächerlich zu empfinden und sich nicht einmal die Mühe zu machen, seine eigene ausführlich zu beschreiben und dem Gegenüber näher zu bringen. Nur weil man sich nicht die Umstände macht und andere Sichtweisen verstehen will oder kann, bedeutet das nicht, dass es sinnlos ist, den Dialog zu suchen. Das bedeutet nur, dass manche nicht mit der Argumentation anderer Menschen umgehen können und aufgrund mangelnder Fakten auf emotionaler Ebene reagieren und persönlich werden. Auch wenn ich verstehe, warum viele Menschen mit ex-jugoslawischem Background Clinton nicht ausstehen können, so wünsche ich mir doch mehr Differenzierung und die Einsicht, dass Trump für niemanden eine Option sein kann.