Als Clarissa in mein Auto steigt, ist sie mir sofort sympathisch. Sie lacht laut und herzlich und sieht mir selbstbewusst in die Augen. Ich bin beeindruckt, wie man mit 17 so tough sein kann. Sie drückt sich herb aus, wie das Jugendliche oft machen. Als sie von ihrer Kindheit erzählt, nimmt sie kein Blatt vor den Mund: „Ich war als Kind immer die Beste in allem. In der Schule, beim Tanzen, beim Singen. Meine Familie hat mich ein Podest gehoben, dieser Druck wurde mir irgendwann zu viel.“ Mit 11 ritzt sie sich das erste Mal.

So selbstbewusst sie auftritt, so offen geht Clarissa auch mit ihrer Selbstverletzung um. Letzten Sommer verbrachte Clarissa mit 36 Kilogramm im Krankenhaus, sie litt an Anorexia. Erst als sie Kinder kennenlernt, die eine unheilbare Krankheit haben, versteht sie, wie wertvoll ihr eigenes Leben ist. „Ich habe mir als Ziel gesetzt zu leben, diesen Willen konnte ich auch durchsetzen.“ Nur das Ritzen, das kann und möchte sie nicht aufgeben. „Die Magersucht hat mein Leben in Gefahr gebracht, das tut das Ritzen aber nicht.“ Sie könne nicht nachvollziehen, warum es so ein gesellschaftliches Tabu ist, über ihre Schnitte zu sprechen. Clarissa möchte dieses Schweigen brechen, versteckt ihre Narben nicht mehr. Aus diesem Grund hat sie auch kein Problem damit, dass sie auf den Fotos so gut zu erkennen sind. „Ich brauche das Schneiden einfach, um mit der Welt klarzukommen. Mich würden meine Gedanken sonst auffressen, alles würde mir zu viel werden.“ Es ist Selbstbestrafung, die ihr für einen kurzen Moment Frieden bringt. Ihr Körper schüttet mit jedem Schnitt Endorphine aus und hilft ihr so bei einer kurzweiligen Flucht aus der Welt.

Was es braucht, damit sie das Ritzen endgültig hinter sich lässt? „Ich muss mich erst selbst völlig akzeptieren und einsehen, dass es auf die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht diese eine richtige Antwort gibt.“ Ihr Ziel ist es, Ungerechtigkeiten in der Welt zu bekämpfen, anderen Mut zu machen.  Auf meine Frage, was Girlpower für sie bedeutet, antwortet sie wie aus der Kanone geschossen: „Mädchen, die erkannt haben, worum es im Leben wirklich geht, nämlich nicht nur um aufreizende Klamotten oder den Wunsch, bei Germanys Next Topmodel mitmachen zu können. Die, die den Blick auf das große Ganze nicht verlieren, keine Angst haben und das Beste aus sich und ihrem Leben machen.“