Sprache vermittelt Werte – warum ich erst durch SchülerInnen gelernt habe, dass wir das Wort behindert nicht als Beleidigung verwenden dürfen.

„Hast du das neue Instagram-Update gesehen? So behindert!“, beschwert sich ein Jugendlicher im Bus über das neue Layout von Instagram. „Ja, Mann, ich weiß nicht, wieso man sowas Behindertes macht.“ Diese Unterhaltung habe ich nicht erfunden, sie ist genauso passiert. Aber wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Erst kürzlich erwische ich mich dabei, wie ich – ich war in diesem Moment ziemlich wütend – jemanden als behindert bezeichne. Ich bin schlagartig nicht mehr wütend auf die Person, die ich gerade beschimpft habe, sondern auf mich selbst.

Bist du behindert

Die Sache ist die: Ich bin weder ein unsensibler noch ein bildungsferner Mensch. Trotzdem hat sich das Wort „behindert“ in meinen Sprachgebrauch geschlichen. Im Zuge unseres Schülerprojektes „Newcomer“ war ich in der Hans-Radl-Schule, die ein Zentrum für Inklusive- und Sonderpädagogik ist. Einige SchülerInnen haben aufgrund ihrer (Körper)Behinderung einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Nach den Tagen in der Schule ist mir bewusst geworden, wie oft ich „behindert“ wirklich nutze. Plötzlich realisiere ich, wie verankert es in meinem Wortschatz ist. Seither höre ich genauer hin. Da ist diese circa 25-jährige Studentin, die gerade telefoniert und ihren Ex gerade als „behindert“ beschimpft. Oder diese zwei etwa 18-jährigen Jungs an einer Busstation, die über etwas lachen und dabei „voll behindert“ sagen. Oder eine Bekannte, die ihren Chef als „behinderten Idioten“ bezeichnet.
„Es ist einfach Alltagssprache.“

Ich frage bei unseren Schülerredakteurinnen nach. Auch Melike verwendet das Wort „behindert“ ständig. „Wenn jemand etwas Dummes auf WhatsApp schreibt, sage ich auch, dass er nicht so behindert sein soll“, erklärt sie. „Es ist einfach Alltagssprache.“ Auf die Frage, ob sie das auch schreiben würde, wenn jemand mit einer körperlichen Behinderung in der WhatsApp-Gruppe wäre, antwortet sie: „Nein, natürlich nicht.“

Auch die Jungs, mit denen ich spreche, geben zu, dass „behindert“ einen fixen Platz in ihrem Wortschatz hat. „Wenn ich überrascht bin oder gerade etwas Arges gehört habe, sag’ ich immer ‚Bist du behindert’“, meint Ibrahim. Lara hat eine Zeitlang versucht, „behindert“ aus ihrem Wortschatz zu streichen. „Eine Freundin und ich haben uns vorgenommen, dass wir uns jedes Mal boxen, wenn eine von uns „behindert“ als Schimpfwort nutzt.“ Gehalten hat dieser gute Vorsatz aber nicht lange. Was mir alle SchülerInnen versichern: Sie verwenden solche Wörter nicht, um Menschen mit Behinderung zu beleidigen.

Elisabeth Schrenk, Geschäftsführerin des Behindertenverbandes KOBV, erklärt mir, wie problematisch es ist, „behindert“ als Schimpfwort zu verwenden. „Abgesehen davon, dass damit Menschen mit Behinderungen diskriminiert und herabgewürdigt werden, kann es auch rechtliche Folgen haben.“ Seit 2006 sind Diskriminierungen gesetzlich verboten. Das Verbot ist im Bundesbehindertengleichstellungsgesetz geregelt.

Bist du behindert

Statt „Wieso stellst du dich so an?“ wird „Wieso bist du so behindert?“ benutzt.

Die Sprachwissenschaftlerin Nora Stieg erklärt in einem Interview mit www.aktion-mensch.de, dass Jugendliche oft gar nicht wissen, woher Schimpfwörter wie zum Beispiel „Spast“ kommen. Paradoxerweise stärken solche Beleidigungen den Gruppenzusammenhalt. In der Regel seien Menschen mit Behinderung gar nicht die Angesprochenen und eine gewisse Respektlosigkeit vor Normen zeichne die Jugendlichen aus.
„Du nennst mich dauernd behindert!“

SchülerInnen, KollegInnen, Fremde – alle nutzen „behindert“ also als Schimpfwort. Für mich klingt es seither jedes Mal wie Kreidequietschen und bereitet mir Magenschmerzen, weil ich es bis vor kurzem auch selbst gesagt habe. Aber wie kann man dem Benutzen entgegenwirken? „Man muss das Thema personalisieren“, so Elisabeth Schrenk. „Menschen mit Behinderung müssen gefragt werden, wie es sich für sie anfühlt – damit muss man die Jugendlichen konfrontieren.“ Ich suche die Hans-Radl-Schule also noch einmal auf, um das Thema mit jenen zu besprechen, die es auch betrifft: Kinder mit (Körper)Behinderung oder sonderpädagogischem Förderbedarf in gewissen Bereichen wie zum Beispiel der Motorik oder der Wahrnehmung.

Anfangs sind die Jugendlichen noch zurückhaltend und wissen nicht so Recht, was sie sagen sollen. „Benutzt ihr das Wort behindert manchmal, um jemanden zu beschimpfen? Beschimpft euch jemand so? Wie empfindet ihr das?“, überfalle ich sie mehr oder weniger und ernte ratlose Blicke. „Oder betrifft euch das gar nicht?“ Langsam werde ich stutzig. „Du nennst mich ur oft behindert!“, ruft Julian* auf einmal und deutet auf einen Mitschüler. Julian wird nach dem Sonderschullehrplan unterrichtet und wirkt immer ein wenig abwesend. Jetzt ist er aber zu hundert Prozent da: „Sag nicht, es stimmt nicht!“
„Sagst du in deinem Bericht, dass wir eine Behindertenschule sind?“

Die Stimmung ist mit Julians Sager aufgelockert. Nun meldet sich auch der 16-jährige Sebastian* zu Wort: „Es ist nicht in Ordnung, jemanden als behindert zu bezeichnen. Wenn er es nämlich wirklich ist, machst du dich über seine Krankheit lustig. Ist er nicht behindert, beleidigst du ihn mit einem Wort, das keine Beleidigung ist.“ Sebastian ist ein ehrlicher, freundlicher und schlauer Schüler, der eine „Autismus Spektrum Störung“ hat. Das bedeutet, dass er Wesenszüge aus dem Bereich Autismus hat.

Meine Fragen verunsichern ihn. „Sagst du in deinem Bericht, dass wir eine Behindertenschule sind?“, fragt er mich besorgt. Das habe ich natürlich nicht vor, versichere ich ihm. Die Hans-Radl-Schule ist eine integrative Schule, ein Großteil der Hauptschulkinder hat keine Behinderung oder einen Förderbedarf. Selbst wenn es anders wäre, der Begriff „Behindertenschule“ wäre mir nie in den Sinn gekommen. Ich merke bei dieser Frage, dass ihn das Thema beschäftigt.

Bist du behindert

„Behindert“ wird von Jugendlichen auch oft verwendet, um auszudrücken, dass sie geschockt oder verwundert sind.

Spast, Mongo, Krüppel

Während meiner Recherche stoße ich auf die deutsche Plattform „leidmedien.de“, die JournalistInnen für die Berichterstattung über Behinderung sensibilisieren möchte. Ich stöbere auf der Seite und finde einige interessante Informationen. So stellen die AutorInnen klar, dass wir mit Sprache zwar keine gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Kopf stellen können, aber dass Sprache sehr wohl Bewusstsein für Inklusion schaffen kann.

Und da gäbe es ja auch noch andere Beleidigungen wie Spast, Mongo, Spacko oder eine Nummer schlimmer: Krüppel. Sprachliche Diskriminierung macht auch nicht Halt vor Geschlecht, Sexualität oder Herkunft. „Sei nicht so ein Mädchen“, „Schwul nicht herum“, „Depperter Tschusch!“ haben alle von uns einmal gehört oder gesagt, stimmt’s?

Aber welche Alternative gibt es und würde die von Jugendlichen angenommen werden? In einem Interview mit der TAZ erzählt die Soziologin und Berlins erste Professorin für Disability Studies Lisa Pfahl von ihren Erfahrungen mit ihrem Teenager-Sohn. Der sagt nämlich auch „voll behindert“, wenn ihn etwas stört. Sie hätten sich auf „Ey, das ist behindernd“ geeinigt. Ob das auch bei anderen Jugendlichen ankommen würde? Ich bin mir nicht sicher.

Eine Sache weiß ich aber zu hundert Prozent: Wörter prägen unseren Alltag und unser Denken. Diskriminierung passiert nicht nur durch Dinge, die wir tun, sondern auch durch Dinge, die wir sagen oder eben nicht sagen. Versteht mich nicht falsch, ich will nicht Sprachpolizei spielen. Aber seit ich an der Hans-Radl-Schule war, löst es Bedrücktheit in mir aus, wenn jemand „behindert“ als Schimpfwort nutzt. Tatsache ist nämlich, dass wir damit bewusst oder unbewusst Menschen mit Behinderung als minderwertig darstellen.

Sensibilisierung auf sprachlicher Ebene

Während meiner Zeit an der Schule habe ich nämlich ehrliche, warmherzige und liebenswerte Persönlichkeiten kennengelernt, die alle einzigartig und in keinster Weise minderwertig sind. Ich weiß, dass nicht jeder diese Erfahrung an der Schule machen kann. Deswegen stelle ich mir die Frage: Sollten wir nicht alle versuchen, unsere Mitmenschen zu sensibilisieren, auch auf sprachlicher Ebene? Wenn wir „behindert“ als Schimpfwort nutzen, implizieren wir, dass eine Behinderung etwas Schlechtes ist. Aber eine Behinderung ist weder gut noch schlecht, sie ist einfach eine Behinderung. Wieso sollten wir das Wort „behindert“ also als Beschimpfung nutzen? „Menschen mit Behinderung sind Menschen wie du und ich und so sollen sie auch dargestellt werden“, antwortet mir Elisabeth Schrenk von KOBV auf meine Frage, wie ich dieses Thema als Journalistin am besten anspreche. Sebastian sagt etwas sehr Ähnliches, kurz bevor ich die Klasse wieder verlasse: „Jeder soll sich fühlen wie jeder andere auch, egal ob behindert oder nicht.“

 


Dieser Artikel ist das aktuelle Cover von BIBER. Ich habe ihn geschrieben und fotografiert. Schaut doch mal auf BIBER’s Facebook-Seite vorbei.

Merken