Ach, wie froh kann ich mich schätzen, intelligente Menschen auf meinen Social Media-Kanälen als „Freunde“ bezeichnen zu dürfen. Welch eine Ehre! Denn ohne sie, oh ohne sie, wüsste ich nicht, wie der Hase läuft und was Sache ist.

Was, ihr wusstet ebenfalls nicht, dass auf Snapchat nur Bitches sind? Dann lasst mich euch eines Besseren belehren, denn auch ich wurde aufgeklärt. Schon zum vierten Mal stolpere ich nun über folgende Aussagen, die Frauen kritisieren, die Snapchat nutzen. Frauen, die Snapchat haben, sind billig. Frauen, die Snapchat haben, wollen sich nur selbst darstellen. Frauen, die Snapchat haben, wollen nur Bestätigung. Frauen, die Snapchat haben, müssen zu viel Zeit haben.

Wow, wow, wow und wow! Das hat gesessen, nicht wahr? Bist du auch eine Frau und hast Snapchat? Tja, dann darfst du dir aussuchen, was auf dich zutrifft. Ich muss ehrlich gestehen: Ich habe mich noch nicht entschieden, die Auswahl ist viel zu vielfältig und so gar nicht voll von stinkenden Vorurteilen.

Okay, lassen wir den Sarkasmus mal beiseite. Das ist schon krass, oder? Das Schlimme ist, dass diese Aussagen ausschließlich von Frauen kamen und fast alle waren in meinem Alter. Als hätten wir eigentlich nicht genug Gründe, uns gegenseitig zu stärken und uns zu solidarisieren. Wie wäre es zum Beispiel mit der Tatsache, dass Frauen in Österreich weiterhin um 25 Prozent weniger verdienen als Männer? Oder dass Frauen viel häufiger Opfer von sexuellen Übergriffen und Hass im Netz sind als Männer? Aber hey, bei Snapchat hört die Freundschaft auf! Da wird dann Tacheles gesprochen, so schaut’s aus!

Und natürlich, jede Frau ist eine Schlampe, wenn sie sich eine neue Kommunikations-App runterlädt, was sonst? Ich bin ja auch nur auf Snapchat, um mit anderen Männern zu flirten und dickpics zu bekommen… NOT. Ich nutze Snapchat auch nicht, weil ich mich selbst darstellen möchte. Okay nein, ich korrigiere. Natürlich ist das ein Mitgrund. Das muss sich aber jeder eingestehen, der Facebook/Twitter/Instagram/Pinterest/Tumblr/Snapchat nutzt. Auch wenn es nur einer dieser Kanäle ist und auch wenn du nur „manchmal“ Fotos von dir und deinem Freund am Strand postest. Die meisten von uns sind gläserne Menschen, Schätzchen. Gewöhn’ dich an den Gedanken.

Das Beste kommt aber erst noch. Eine dieser Snap-„Aussagen“ habe ich auf – haltet euch fest – Instagram gelesen. I-N-S-T-A-G-R-A-M! Von einem Mädchen, das einmal im Hotel Sacher Torte essen geht und vier Fotos aus vier verschiedenen Perspektiven postet. Seriously? Du sprichst von Selbstdarstellung? Es warat wegen der Selbstwahrnehmung.

Was haben wir noch, ah genau, Snapchat-Userinnen wollen nur Bestätigung. Stimmt natürlich! Denn einzig allein darum geht es Frauen. Sie wollen hören, wie schön sie sind, wie tolle Haare sie haben, wie schön sie sich ihre Nägel lackiert haben und was für ein tolles Kleid sie tragen. Das und allein das ist der Grund, warum ich überhaupt existiere! Her mit der Bestätigung. Gebt sie mir, verdammt nochmal! Was soll ich sonst aus meinem Leben machen? Wieso habe ich mir sonst Snapchat heruntergeladen?!?111?! Um am Puls der Zeit zu leben? Um entertained zu werden? Um andere zu entertainen? Ganz.sicher.nicht.

Und last but not least: Zeit. Ach ja, wie oft ich diesen köstlichen Kommentar schon gelesen habe. „Die Jugend von heute hat zu viel Zeit“, „Die jungen Leit san nua im Internet“ oder „Haben die kein Leben, dass sie die ganze Zeit auf Snapchat sind?“ Klar finde ich es auch bedenklich, wenn man 24/7 am Handy ist und jede noch so kleine Kleinigkeit dokumentieren muss. Aber so etwas von jemandem zu lesen, der selbst in der Medienbranche tätig ist, wundert mich dann doch. Ist das neue Zeitalter bei „alten Hasen“ und damit meine ich jene, die noch nicht einmal 40 sind, noch nicht angekommen? Armin Wolf verbringt, wenn er nicht arbeitet, circa drei Stunden auf Twitter – bei ihm fragt keiner, ob er denn zu viel Zeit hat. Kaum nutzt man aber als junge Frau eine andere, sehr viele modernere Plattform, wird es kritisiert. Classy. Die Wahrheit ist wohl eher, dass manche der Kritiker überfordert sind mit dem Wandel der Medien und gleichzeitig merken, dass sie nicht mehr up-to-date sind. Das kann einem schon mal Angst machen, man will sich selbst ja auch nicht eingestehen, dass man nicht mehr so hip und fresh wie jemand jüngerer ist.
Das Traurigste an der Sache ist aber, dass so viele Frauen von #girlpower und was weiß ich nicht was reden, aber im Endeffekt jede Gelegenheit nutzen, andere Frauen runterzumachen. Mal ernsthaft: Wie kommt man auf die hirnrissige Idee, Snapchat-Userinnen als Bitches zu bezeichnen? Ich folge einigen Mädels auf Snapchat und ja, da sind auch welche dabei, denen es wahrscheinlich eher darum geht, irgendjemandem zu imponieren und sich selbst bestmöglich darzustellen. Der Großteil gibt aber einfach Einblick in ihren Alltag, nimmt einen mit auf coole Reisen, filmt Teile eines Konzertes oder quatscht über irgendein spannendes Thema. Das ist an sich eine tolle Sache. Gäbe es da nicht diese Haterinnen, die alles immer schlecht machen müssen. Ob das wohl je aufhört? Keine Ahnung. Klar ist aber: Snapchat sitzt am längeren Ast und auf Dauer werden ihnen ihre bad vibes teuer zu stehen kommen. Spätestens dann, wenn sie merken, dass Snapchat doch ganz lustig ist. Sie können sich dann ja aussuchen, ob sie Bitches sind, sich selbst profilieren wollen, zu viel Zeit haben oder Bestätigung brauchen.