Ist es nicht seltsam, dass es in unserer Gesellschaft verpönt ist, „negative“ Gefühle wie Trauer oder Wut zu zeigen? Wieso sehen wir alle betreten zu Boden, wenn sich ein Pärchen im Bus streitet oder jemand in der U-Bahn weint? Nun, letzte Woche war ich dieser Jemand.

Aber fangen wir von vorne an. Ich starte den Donnerstag mit einem ausgiebigen Frühstück, lache noch über mich selbst, weil ich so viel bestelle. Aber hey, das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages, nicht wahr? Danach nehme ich einen sehr kurzfristigen Termin wahr. Obwohl ich gerade zuhause angekommen bin, eile ich in den zweiten Bezirk und schaffe es tatsächlich rechtzeitig. Danach zücke ich mein Telefon und rufe meine Mutter an, so wie ich es immer tue, wenn ich aufgeregt bin und es Neuigkeiten gibt. Ich rede also vor mich hin, setze mich in die U-Bahn Richtung Hauptbahnhof, als meine Mutter sagt: „Ich muss dir was Trauriges sagen. Es tut mir leid, aber du musst es wissen.“

Im selben Moment spanne ich jeden meiner Muskeln an, starre aus dem Fenster. In meinem Kopf rattert es in den wenigen Sekunden, bevor meine Mutter fortfährt. „Wir mussten Flecki einschläfern“ Stille. Meine erster Gedanke ist: Sie ist fast 17 Jahre alt geworden, es war also zu erwarten. Fang jetzt bloß nicht an zu weinen, die U-Bahn ist voller Menschen und du hast noch fünf Stationen vor dir. „Papa hat sie zum Tierarzt gebracht, weil sie nicht mehr aufstehen konnte“, erzählt Mama. Da bricht es aus mir aus: Flecki ist tot. Mein allererster Hund, den ich mit gerade einmal zehn Jahren bekommen habe. Ich weiß noch genau, wie wir sie aus Bosnien nach Österreich gebracht haben und wie still sie im Auto war. Ich kann mich erinnern, wie wir in unsere alte Wohnung kommen, einen Platz für sie aussuchen. Ich weiß noch, wie neidisch alle Nachbarskinder waren, als sie Flecki gesehen haben.

„Weinst du?“

Ich bringe kein Wort heraus, meine Mutter ist traurig, das höre ich ihr an: „Weinst du?“ Ich antworte nicht, ich kann keinen Mucks machen. „Bitte wein nicht, Papa hat gestern auch schon so viel geweint.“ Der Gedanke, dass mein Vater auch geweint hat, macht es nur noch schlimmer. Ich kann meine Tränen nicht zurückhalten, verabschiede mich irgendwie von Mama.

Innerlich rede ich auf mich ein: Hör auf zu weinen, reiß dich zusammen. Was werden die Menschen denken? Ich versuche Fleckis Tod zu relativieren, sie war „nur“ ein Hund, auf der Welt passiert so viel Schlimmes und sie ist fast 17 geworden.Warte zumindest, bis du daheim bist, dann kannst du so viel heulen, wie du möchtest. Ich versuche mich abzulenken und an irgendetwas Anderes zu denken, bloß nicht an Flecki, bloß nicht an die Vergänglichkeit des Lebens. Aber all das bringt nichts. Was der Kopf will, interessiert das Herz nicht. Ich weine und weine und weine. Ich kauere mich zusammen und ignoriere die Tatsache, dass die Chancen, jemandem zu begegnen, den ich kenne, ziemlich hoch sind.

Was zwei Taschentücher ausmachen

Die Tränen fließen, die Nase rinnt. Eine Frau beugt sich zu mir über. „Nicht weinen, nicht weinen“, sagt sie, bevor sie aussteigt. Eine Station später reicht mir eine andere Frau zwei Taschentücher. Ich kann sie nur anlächeln, weil ich mich gerade ein wenig gefangen habe. Als ich aussteige, bringe ich noch ein leises Danke heraus und schenke ihr mein verheultestes Lächeln.

Ich habe mich so geschämt, nicht die Stärke zu besitzen, mich zusammenzureißen. Aber wisst ihr was? Es braucht auch viel Stärke, um Tränen vor fremden Menschen zuzulassen. Und auch wenn es manche belächeln, dass es Menschen gibt, die Social Media authentischer machen wollen, habe ich mich für diesen Beitrag entschieden. Natürlich habe ich mir zuerst gedacht: Boah, jetzt blamierst du dich schon in der U-Bahn, dann schreibst du auch noch darüber? Im Endeffekt läuft es aber auf diese Erkenntnis hinaus: Es ist vielleicht unangenehm, wenn man in der Öffentlichkeit weint. Es ist aber gewiss nicht peinlich. Peinlich sind eher die, die sich darüber lustig machen oder genervt davon sind. Es ist schwierig, so eine Angelegenheit zu thematisieren, ohne reißerisch zu klingen.

Und obwohl ich mich so dafür geschämt habe zu weinen und ich diesen Moment als sehr traurig in Erinnerung behalten werde, so bin ich doch sehr dankbar für das Verhalten dieser Frauen. Ihre Reaktion hat mir einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, auf seine Mitmenschen zu achten. Es waren zwei kleine Gesten und doch bedeuten sie die Welt. Sie haben diese Situation ein wenig erleichtert. Auch wenn es nicht zwangsläufig gesellschaftstauglich ist, Gefühle im Überdruss zu zeigen – ich spreche auch von ausgiebigem Lachen – so ist es doch menschlich und nur schwer zu lenken. Wir können Emotionen nicht immer kontrollieren, das geht einfach nicht. Was wir aber können, ist anderen ein Taschentuch anzubieten, wenn sie weinen.