Steile Felsgipfel, tiefe Schluchten und kristallklares Wildwasser – die Ötschergräben in Niederösterreich werden nicht umsonst als der „Grand Canyon Österreichs“ bezeichnet. Ich liebe die Natur und deswegen war ich mehr als glücklich, als Marko und ich nach Niederösterreich fahren durften, um darüber zu berichten.

35 Grad im Büro und Schweißperlen auf der Stirn: Der Sommer in der Stadt ist nämlich nichts für mich. Die Abkühlmöglichkeiten in Wien machen mich auch nicht unbedingt glücklich. An der Alten Donau sind viel zu viele Leute, außerdem ist es sumpfig. Freibäder wie das Stadionbad, in dem man sich wie eine Dosensardelle fühlt, können mir gestohlen bleiben und mit „Szenebädern“ wie der Pratersauna kann ich ehrlich gesagt auch wenig anfangen. Der Beton scheint zu brennen und vom Verkehr will ich gar nicht erst anfangen.

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Alle Fotos von Marko Mestrovic

Deswegen suche ich immer nach Alternativen und habe die perfekte Fluchtmöglichkeit gefunden: Die Ötschergräben in Niederösterreich. Die Anfahrt istdenkbar unkompliziert, man braucht etwa zwei Stunden aus dem Stadtinneren. Das Wetter spielt mit, viel zu überlegen gibt es da also nicht. Parkplätze gibt es dort reichlich. Am Wochenende ist wahrscheinlich mehr los, uns ist am Donnerstag während der gesamten Strecke aber kaum jemand begegnet.

Los geht’s!

Wir starten am Naturpark-Eingang in Wienerbruck. Laut der netten Dame an der Rezeption der Ötscherbasis braucht man bis zum Schutzhaus Vorderötscher, wo wir ein Zimmer reserviert haben, vier bis fünf Stunden. Der Weg ist noch nicht anstrengend und schon auf den ersten hundert Metern wird klar, dass die Tour ziemlich beeindruckend ist. Man geht fast die ganze Zeit am Wasser entlang. Anfangs genießen wir durchgehend Schatten, was uns bei 35 Grad sehr recht ist. Tipp an dieser Stelle: Besser früh morgens aus Wien losfahren.

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Kristallklares Wasser

Wir wandern vorbei an Waldstücken mit urigen Buchen und Ufern, die zum Baden einladen. Das Wasser ist glasklar und wunderschön, aber auch eiskalt. Und damit meine ich wirklich eiskalt. Wir schätzen, dass es circa zehn Grad hat. Trotzdem kühlen wir uns dreimal ab. Wer braucht schon surrende Klimaanlagen, wenn man in einen Wildbach springen kann?

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Unsere Badepausen sind der Grund, warum wir sechs Stunden brauchen und nicht vier. Mit der Zeit werden die zugänglichen Ufer von felsigen Steilhängen abgelöst, an manchen Stellen geht es ziemlich tief bergab. Die Kulisse ist atemberaubend, die Landschaft sieht aus wie bei „Herr der Ringe“.

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Wo ist die verdammte Hütte?

Entschuldigt meine Ausdrucksweise, aber nur so kann ich meine Gefühlslage wahrheitsgetreu wiedergeben. Während wir anfangs Schatten genießen, ist es mit diesem Luxus bald vorbei. Meine Schwester, die Wanderprofi ist, hat mich noch beruhigt, dass die Ötschergräben „eine ganz leichte und nicht anstrengende Tour“ sind. Auch auf allen Wanderseiten im Internet wird die von uns gewählte Tour als schön und nicht anstrengend zu gehen beschrieben. Schön: Ja. Nicht anstrengend: Naja. Ich würde mich als sportlich bezeichnen, trotzdem bin ich ziemlich ins Schwitzen gekommen. Okay, im Vergleich zu anderen Wanderrouten ist diese wahrscheinlich wirklich einfacher. Und da wäre ja auch noch die Mittagssonne, die mir um ein Haar einen Sonnenstich verpasst hätte. Aber der Ausblick macht alles wieder wett, wir wandern an mehreren spektakulären Wasserfällen wie dem Lassingfall oder dem Mirafall vorbei.

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Jausenzeit

Bei dem Jausenwirt „Ötscherhias“ kann man sich stärken, wir sind leider wegen unserer Badepausen zu spät dran. Bis 17 Uhr kann man dort Liptauerbrot, Würstel mit Kren oder Gulaschsuppe essen. Für uns geht es direkt weiter Richtung Hütte, die noch etwa 90 Minuten entfernt ist. Die letzten 30 Minuten sind die anstrengendsten. Aber hey, aufgeben ist nicht drin. Marko hätte mich ja nur schwer tragen können und im Wald übernachten möchte ich dann doch lieber nicht. Umso größer ist die Freude, als wir die Kuhglocken hören und wissen, dass die Hütte nicht mehr weit sein kann. Auf der letzten Steigung begegnen wir einem nackten Wanderer, der nur noch mit einem Höschen bedeckt ist. Wer kann es dem älteren Herrn bei dieser Hitze verübeln? Und wen soll seine Nacktheit stören, außer zwei erschöpfte Stadtkinder, die Wandern nicht gewohnt sind?

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Hüttengaudi

Nassgeschwitzt, erledigt und überglücklich bestellen wir erst einmal Radler, Knödel mit Linsen und Kaiserschmarren. Die Hütte ist sauber und gemütlich. Es gibt ein gemeinsames Klo und eine gemeinsame Dusche. Internetempfang gibt es wenig bis gar nicht. Dieser Luxuskram ist zu diesem Zeitpunkt aber nicht wichtig. Das Bett ist gemütlich, das Essen gut und die Hüttenbetreiber freundlich. Schnell wird klar: Durch so eine Wanderung genießt man nicht nur frische Luft und eine tolle Aussicht, man konzentriert sich auf die wesentlichen Dinge im Leben – Wifi gehört da nicht unbedingt dazu. Um neun Uhr fallen wir ins Bett und wachen pünktlich zu Sonnenaufgang auf.

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Abkürzung zum Auto

Morgens gibt es frisches Brot mit Butter und Marmelade. Mit leichtem Muskelkater und gebräunter Haut entscheiden wir uns für den kürzeren Rückweg. Die Aussicht ist schön, der Ötscher gut zu erkennen. Wir wandern circa zwei Stunden bis zur Erlaufklause, bestaunen kurz den Stausee und nehmen die Mariazellerbahn zurück. Unten angekommen schreibe ich als Erstes meinen Freunden eine Whatsapp-Nachricht: „Ich weiß, was wir diesen Sommer machen“ und plane den nächsten Trip zu den Ötschergräben mit ihnen.

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Das muss mit:

Festes Schuhwerk
Wasser und Snacks
Sonnenschutz und Badesachen
Blasenpflaster
Microfaser-Handtuch, das schnell trocknet
Schlapfen für die Hütte

Infos:

A1 Richtung Linz/St. Pölten/Pressbaum, Ausfahrt St. Pölten Süd, weiter auf Mariazeller Straße/B20
Ausgangspunkt: Ötscher-Basis in Wienerbruck
Route: Wienerbruck – Ötschergräben – Schutzhaus Vorderötscher
Kosten der Hütte: Doppelzimmer inkl. Frühstück EUR 34,-/Person
Weitere Informationen gibt es auf http://www.niederoesterreich.at/, dort findet ihr alle wichtigen Tipps zu den besten Wanderrouten in Niederösterreich.

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe des BIBER-Magazins.

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